Raus aus dem Alltag: Freiwilligenarbeit im Ausland

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TRIER. Ob nach dem Abitur, der Ausbildung oder dem Studium: Viele junge Menschen entscheiden sich heute für ein soziales Jahr im Ausland. Um die Freiwilligenarbeit ist ein ganzer Industriezweig gewachsen, wo Volunteering und Auslandspraktika für wenige Monate meist kostspielig angeboten werden. Alternativen dazu gibt es, eine ist die Arbeit von SoFiA eV (Soziale Friedensdienste im Ausland).

„Unsere Arbeit und die der Freiwilligen hat das Ziel, Völkerverständigung und Frieden zu fördern“, sagt Peter Nilles, Geschäftsführer des Vereins, zum Auftakt unseres Gesprächs. Er koordiniert den Einsatz der Auslandsgänger, plant mit ihnen den Aufenthalt und steht telefonisch mit jedem Einzelnen in Kontakt. SoFiA e.V. ist ein eigenständiger Verein, der in Kooperation mit dem Bistum Trier Freiwillige in soziale Projekte auf der ganzen Welt vermittelt. Meist sind es jüngere Menschen, die es nach Übersee zieht und die sich dort über ein Jahr lang engagieren, oft in ganz unterschiedlichen Bereichen: Von der Betreuung von Waisenkindern, Hausaufgabenhilfe für Schüler, der Unterstützung benachteiligter Frauen oder dem Ausrichten von Seminaren für Erwachsene stehen den potentiellen Freiwilligen viele Projekte offen, sowohl in Südamerika und Afrika, als auch in Indien und Europa.

Die Projektzuteilung erfolgt nach der Bewerbung in Zusammenarbeit mit Nilles, der nach langjähriger Berufserfahrung einen Sinn dafür entwickelt hat, welches Projekt zum jeweiligen Freiwilligen passt. „Ich achte schon darauf, wie emotional gefestigt ein Teilnehmer ist. Er ist schließlich 13 Monate von Familie und Freunden getrennt in einer vollkommen neuen Umgebung. Da gibt es dann auch einsame Stunden, wo man durch muss.“ Meist ist jedoch der Wunsch des Reisenden zu realisieren, seltener wird er von Nilles nach Absprache für ein anderes Projekt eingeteilt. Häufig bewerben sich Abiturienten für die rund 30 Plätze pro Jahr, dabei würde Nilles gern auch mehr Berufserfahrenen die Vorteile eines Freiwilligendienstes näher bringen, zu diesem Zweck baut der Verein Kooperationen mit Berufsschulen aus. Bevor es in den Flieger zum Einsatzort geht, werden vorab in Deutschland Orientierungstage angeboten, in denen die Teilnehmer auf das Leben und die kulturellen Unterschiede vorbereitet werden.

Auch müssen die Freiwilligen lernen, „über den Tellerrand“ zu blicken und eine Sensibilität für die Empfindlichkeiten und sozialen Umstände der jeweiligen Bevölkerung zu entwickeln. Ehemalige Teilnehmer schlüpfen zur Unterstützung in die Rolle von Mentoren. Sie weisen die Auslandsgänger auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen auf länderspezifische Unterschiede und Verhaltensweisen hin.

Viele junge Menschen sehen ein freiwilliges soziales Jahr als eine gute Möglichkeit an, um sich nach dem Abitur, einer beruflichen Pause oder einem akademischen Abschluss eine Auszeit zur Orientierung zu nehmen, Softskills zu entwickeln oder einfach fremde Kulturen kennenzulernen. „Der Karriereweg in unserer Gesellschaft ist wie eine Autobahn, ständig muss es vorwärts gehen. Während des Freiwilligendienstes ist das anders. Man beschreibt eine Kurve, die Teilnehmer entwickeln eine besondere Sensibilität für andere Kulturen, sehen Europa zum Beispiel auch einmal aus der Sicht eines Afrikaners.“ Viele Rückkehrer engagieren sich nach dem Auslandsaufenthalt auf unterschiedlichen Ebenen auch weiterhin im sozialen Bereich. So weiß Nilles von ehemaligen Teilnehmern zu berichten, die vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien gearbeitet haben: Nach ihrem Freiwilligendienst gründeten sie in Deutschland einen Verein, der nun aktiv Flüchtlinge und vom Krieg betroffene Familien unterstützt.

Durch die Kooperation mit „Weltwärts“, dem Entsendeprogramm des deutschen Entwicklungsministeriums, kann SoFiA e.V. fast sämtliche anfallenden Kosten für den Freiwilligen übernehmen, lediglich in Einzelfällen müssen die Teilnehmer Visa und kleinere Ausgaben selbst übernehmen. Auf der anderen Seite bemüht sich der Reisende jedoch um einen persönlichen Solidaritätskreis – Verwandte, Freunde, Gemeinde- und Verbandsmitglieder oder regionale Unternehmen, die mit ihren Spenden den Auslandsdienst unterstützen und die während des Aufenthaltes dann per Blog, Fotos oder Videos über die Arbeit des Freiwilligen auf dem laufenden gehalten werden.

In den vergangenen Jahren ist der Freiwilligendienst immer attraktiver geworden, viele Menschen zieht es in fremde Kulturen. Die Motive dabei sind oft genauso unterschiedlich wie die Teilnehmer selbst, manche wollen helfen, andere neue Erfahrungen und Sprachen lernen. Dieser Umstand hat auch kommerzielle Anbieter auf den Plan gerufen: Agenturen vertreiben Auslandspraktika und Entwicklungsarbeit in Afrika, Südamerika und Asien, bei denen der Reisende die Kosten selbst tragen muss, häufig fallen auch bei kurzen Aufenthalten von nur wenigen Monaten vierstellige Beträge an. Es sei zwar per se nichts Schlechtes, dass sich so viele Menschen engagieren wollen, stellt Nilles klar, er sieht diese Art der Freiwilligenarbeit jedoch skeptisch: „Bei einer Dauer von 3 Monaten sehe ich weder für die Menschen vor Ort, noch für die Freiwilligen einen wirklichen Nutzen. Meine Erfahrung zeigt, dass der Alltag vor Ort erst nach ca. vier bis sechs Monaten wirklich einkehrt und dann erst die produktive Arbeit richtig beginnt.“ Zum Ende betont Nilles noch, dass Freiwilligenarbeit nicht nur für junge Menschen interessant ist, auch ältere haben die Möglichkeit, sich im Ausland sozial zu engagieren. „Ich kenne eine 60-Jährige Frau, die für 13 Monate in Ruanda war!“ (ros)

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