Uli Borowka: Eine ehrliche Haut

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BITBURG. Ulrich „Uli“ Ernst Borowka war ein sehr erfolgreicher und einer der bekanntesten deutschen Fußballprofis. Der 51-Jährige bestritt zwischen 1981 und 1996 fast 400 Bundesligaspiele für Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen und sechsfacher Nationalspieler. Mit Bremen gewann er 1992 den Europapokal der Pokalsieger. Der 177 cm große kantige Abwehrspieler war bei seinen Gegenspielern gefürchtet. Den Spitznamen „Die Axt“ bekommt man nicht von ungefähr. In Bitburg stellte er sein Buch „Volle Pulle“ vor. Weniger in einer Lesung, als in einer Diskussionsrunde. Lesen Sie das Interview mit Uli Borowka, dass er allen Zuhörern gab.

Herr Borowka, wo treten Sie überall auf?

Borowka: Ich bin seit einem Jahr unterwegs und stelle mein Buch vor und halte Lesungen in verschiedenen großen Städten in Deutschland. Ich war in Dortmund, Magdeburg, Neustadt. Die nächsten Stationen sind Hattingen und dann Velbert, wo ich in einer Fachklinik für Alkohol-, Drogen- und Medikamentenabhängige vorlesen werde. Ich lese außerdem in Sportvereinen wie dem TSV Auersbach vor, in Bensheim und demnächst geht es auch nach Bremen.

Wann und warum sind Sie zum Alkoholiker geworden?

Borowka: Das war ein schleichender Prozess. Nach den Spielen war es normal, mit Kollegen noch was trinken zu gehen, auch um sich zu belohnen. Richtig abhängig wurde ich 1984. Damals suchte ich nach Ausreden, um an Alkohol zu kommen. Ich rief z.B. meine Frau zuhause an und fragte, ob sie Lust hätte auf eine Shoppingtour in Düsseldorf. Nach 20 Minuten hatte ich aber keinen Bock mehr auf shoppen und sagte ihr, ich würde im Brauhaus auf sie warten. Meine damalige Frau shoppte und ich trank während ihrer Einkaufstour literweise Bier. Ich habe getrunken, um mich einerseits zu belohnen für ein gutes Spiel, aber auch um vor mir selber Ruhe zu haben. Der Druck, ein Fußballprofi zu sein, war sehr hoch.

Was machte diesen Druck aus?

Borowka: Wir wurden damals noch leistungsbezogen bezahlt. Konntest du nicht spielen, hast du nur dein Grundgehalt bekommen. Richtig gut verdient hast du aber nur, wenn du gespielt und gewonnen hast. Du musstest immer fit sein und Leistung bringen. Wenn das nicht ging, stand schon der nächste Spieler bei Fuß. Der Leistungsdruck war enorm. Selbst als ich verletzt war, ließ ich mich eher zusammen flicken, als ein Spiel auszusetzen. Ich konnte bis 3 Uhr morgens eine Kiste Bier und 2-3 Flaschen Schnaps hinterher saufen, und war dennoch morgens um 10 Uhr der erste beim Training. Und man hat mir nix angemerkt, meine Werte waren okay. Nach erfolgreichem Training hatte ich mittags ja wieder einen Grund, mich mit Alkohol zu ‚belohnen‘.

Wie konnten Sie Ihre Krankeit so lange geheim halten, auch vor Kollegen und dem Trainer?

Borowka: Ich war Profi, als Abwehrspieler gefürchtet. Ich wurde nicht umsonst ‚Die Axt‘ genannt. Ich war einer der besten Abwehrspieler, die es zu meiner aktiven Zeit gab. Der Verein brauchte mich, da sah man über einiges hinweg. Ich weiß noch, dass ich mich z.B. einmal abends dermaßen voll gesoffen hatte und ich morgens in meinem Auto auf einem Parkplatz aufwachte, ne halbe Stunden von Bremen entfernt und wusste nichtmehr wie ich dahin gekommen war.

Und was ist dann passiert?

Borowka: Ich wusste nach einem Blick auf die Uhr, dass ich es nicht mehr rechtzeitig zum Training schaffen würde. Also rief ich meinen damaligen Trainer Otto Rehhagel an, der mich fragte, was los sei. Ich erzählte ihm zunächst, ich hätte was Falsches gegessen und fühle mich nicht gut. Das nahm er mir jedoch nicht ab und so erzählte ich ihm, dass ich mich voll gedröhnt hatte. Er hat mir angeboten, als Grund für meine Verspätung eine Magen-Darm-Grippe zu nennen. Also, mit anderen Worten: Viele kannten mein Problem. Unterstützung von denen, die mir ihre Hilfe anboten, habe ich abgelehnt.

Welche Auswirkungen hatte der Alkoholismus auf ihr Privatleben?

Borowka: Anfangs hat mich meine Frau aus Liebe natürlich unterstützt, auch für mich gelogen. ‚Der Uli trinkt zuhause nie oder nur ganz selten‘, hat sie bei Nachfragen geantwortet. Am Ende der Saison 1993/94 steckten wir schon in einer tiefen privaten Krise, die wir aber beide nicht wirklich wahrhaben wollten. Als ich im März 1995 meine damalige Frau im Suff mit dem Kopf gegen die Wand schlug, war das das Aus für uns. Sie verließ mich mit unseren beiden Kindern und zog zu ihren Eltern.

Wann wurde ihre Alkoholsucht in der Bundesliga bekannt?

Borowka: Nach dem Vorfall mit meiner Frau im März 1995, als die Polizei ins Haus kam, stand das natürlich groß in der Zeitung am nächsten Tag. Bremen ist eine kleine Stadt und von da an wusste es jeder. Der Trainer wusste es, der Manager wusste es, alle wussten es, die ganze Bundesliga wusste es.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu ehemaligen Spielern?

Borowka: Ja, zu einigen. Zum Beispiel zu Jupp Heynkes, der ja auch das Vorwort zu meinem Buch geschrieben hat.

Was halten Sie eigentlich von dem Saubermann-Image der jungen Fußballer in der Bundesliga?

Borowka: Heutzutage dreht sich alles ums Geld. Wenn du als Spieler heutzutage zugeben würdest, dass du ein Problem hast, wärst du doch direkt weg vom Fenster. Wenn es ehrlich zuginge, müsste sich die Hälfte aller Spieler als alkoholkrank, schwul oder sonst was outen.

Wie geht es Ihnen heute privat?

Borowka: Ich habe nach meiner Entziehungskur nie mehr einen Tropfen Alkohol angerührt und bin seit 13 Jahren trocken. Es gab irgendwann für mich nur noch schwarz oder weiß. Ich habe mich für weiß entschieden und kann heute sagen, dass ich mit mir selbst im Reinen bin. Ich lasse mich nicht mehr unter Druck setzen. Ich hatte außerdem das große Glück, meine zweite Frau Claudia kennen zu lernen. Wir haben im Jahr 2011 geheiratet und sind stolze Eltern einer Tochter.

Was machen Sie jetzt beruflich?

Borowka: Letztes Jahr ist mein Buch „Volle Pulle“ erschienen. Seit einem Jahr bin ich nun in den Städten Deutschlands unterwegs und stelle mein Buch vor und halte Lesungen. Seit 2007 bin ich selbständig im Bereich Sportmarketing tätig. Die Aufarbeitung meiner Vergangenheit in meiner Biografie führte zu unzähligen positiven Reaktionen, aber auch zu Hilferufen von Betroffenen und Angehörigen zugleich.

Aus diesem Grunde haben meine Frau Claudia und ich, sowie fünf weitere Gründungsmitglieder im Jahr 2013 den Verein ‚Uli Borowka, Suchtprävention und Suchthilfe e.V.‘ ins Leben gerufen.

Das Interview wurde von unserer Mitarbeiterin Petra Thomas niedergeschrieben

Hier geht zum Bericht 

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