Harry trifft kleine Leseratte

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FRANKFURT. Buchmesse Frankfurt, 2013. „Hiermit laden wir Sie herzlich zur Veröffentlichung Ihres Buches zur Frankfurter Buchmesse ein…“ hatte der Verlag mir geschrieben. Bereits letztes Jahr war ich auf der Buchmesse und hatte sie mit dem Gedanken verlassen: „Nie wieder!“

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich aber noch nicht, dass die Frankfurter Verlagsgruppe mein Buch verlegen würde. Meine Sponsoren und insbesondere der Verlag erwarten, dass ich zu Publikationszwecken dort erscheine. Und ich sträube mich. Die Stadt, der Stress, der Trubel und vor allem dieser widerliche Kommerz. Promis, die umher stolzieren und Bücher promoten, die Ghostwriter in ihrem Namen schrieben, gefolgt von den Medien, die mehr darauf achten, wer etwas schreibt, statt darauf, was geschrieben wird. Als ich die Buchpräsentation von Daniela Katzenberger und Co. im Fernsehen aufgetischt kriege, überlege ich, die Buchmesse zu boykottieren. Dazu bin ich aber nicht prominent genug. Auf Drängen meiner Freunde rapple ich mich dann doch auf, am Sonntag auf der Messe zu erscheinen. Mein Neffe opfert sic,h mich zu fahren – dann geht es via Park & Ride zur Messe. Während der Fahrt halte ich Vorträge über den Verfall der Buchmesse zum Medienrummel und befinde, dass die Jugend von heute, „Generation Facebook“, ohnehin kein Interesse an Büchern mehr hat und die Besucher der Messe nur dort herumlaufen um Gratis-Kugelschreiber einzusammeln und den einen oder anderen Promi zu sehen. Und Lafer kocht dazu, während er das millionste Kochbuch vorstellt.

Park & Ride funktioniert in Frankfurt perfekt. Vom Stadion aus keine zehn Minuten zum Hauptbahnhof, dann eine U-Bahnstation bis zur Messe. Menschenmassen strömen mir am letzten Messetag entgegen, am Ende des Tages soll die Buchmesse insgesamt 276 000 Besucher zählen. Um 14 Uhr geht keiner mehr am letzten Messetag zur Buchmesse, außer mir, weil ich präsent sein muss. Auf endlosen Laufbändern wird man durch das Areal geschoben, das mir so groß wie Bitburg erscheint. Bücher über Bücher. 50 000 Neuerscheinungen im Jahr ringen hier um die Gunst des Lesers. Ein Stand, der etwa so groß ist wie ein begehbarer Kleiderschrank, kostet 5000 Euro, die etwas größeren 20 000 und die riesigen von „Duden“, „Bastei“ etc. rund 50 000 Euro. Kinder zahlen 11 Euro Eintritt (sind aber keine zu sehen), Studenten 13, „Otto Normalverbraucher“ am Wochenende 17, Fachbesucher 35 Euro.

Am letzten Messetag sind alle „platt“. Ich merke der jungen Dame am Infostand an, dass sie meine Fragen kaum mehr beantworten kann. Ich fühle mich bereits wie in einer Taucherglocke und schiebe mich von Halle zu Halle bis ich den Stand meines Verlegers erreiche. „Shake Hands“, einmal lächeln für die Kamera – Passanten bleiben stehen: „Wer ist das vor der Kamera? Ein Promi, den man kennen sollte?“

Auf der Rolltreppe fahre ich ein Stück weit mit „Super Mario“ und frage mich, wieso er die Rolltreppe benutzen muss, der kann doch hüpfen. Dazwischen unzählige Figuren aus Animés: Trolle, Elfen… Besucher die sich wie ihre Fanfiguren kostümiert haben. Noch ein Pressefoto vor dem Messeturm, ein letztes bei 3Sat und dann zurück.

Ach ja, ich hatte ein Buch geschrieben, es handelt von den kleinen Freuden des Lebens, der Sehnsucht, der Melancholie und der Entschleunigung unserer Gesellschaft. Passt hier irgendwie nicht hin, denke ich mir. Zumindest setze ich ein Zeichen und fahre zurück mit der U-Bahn und nicht mit dem Limousinen-Shuttle-Service eines Verlages. Und dann passiert es:

An der U-Bahnstation spricht mich ein Junge an. Vielleicht acht, maximal neun Jahre alt. „Wissen Sie, wo die U4 abfährt? Ich muss zum Hauptbahnhof“. „Da muss ich auch hin“, erwidere ich, „komm mal mit, ich glaube hier ist es. Bist du ganz alleine unterwegs?“ Er erzählt mir: „Ja, ich wollte unbedingt zur Buchmesse, habe so lange gebettelt bis ich alleine fahren durfte. Ich muss zum Hauptbahnhof und dann mit dem Zug nach Wiesbaden“. Er trägt eine Papiertasche und ich frage: „Na, hast du denn etwas Schönes abgestaubt auf der Messe?“ Er zückt einen Bildband: „Hier, der kostet normal 30 Euro, den habe ich zum Messepreis von 15 Euro bekommen und dann gab es noch 5 Euro Taschengeldrabatt. Und dann habe ich noch für meine Mama ein Buch gekauft, das ein echter Autor signiert hat!“ Wir stehen in der U-Bahn und mir bleibt die Spucke weg – dieser kleine „Dotz“. Am Hauptbahnhof steigen wir aus. Ich helfe ihm auf dem Weg durch die Menschenmassen zu seinem Zug. In dem Trubel habe ich ganz vergessen, dass ich auch ein echter Autor bin. Er hätte sich bestimmt über ein signiertes Buch von mir gefreut und für diesen Mut und Willen es auch verdient. Er verschwindet in der Masse. Ich werde ihn wohl nie wieder sehen. Dann beginne ich mich über meine Vorurteile gegenüber der Buchmesse zu schämen. Diesen kleinen Buchfan werde ich nie mehr vergessen und für Kinder wie diesen Jungen, der sich alleine und mutig auf den Weg zur Buchmesse gemacht hat, werde ich weiter schreiben und das nächste Mal ohne Murren und Meckern dort erscheinen.

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