„Vor Weihnachten Terrorwarnung, im Mai kommen die Zecken“

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TRIER. Am gestrigen Samstag gastierte einer der bekanntesten Kabarettisten der Bundesrepublik im Trierer Theater: Hagen Rether. Mit bissigen Pointen, unverwechselbarem Humor und zynisch-sarkastischen Unterton sezierte er über dreieinhalb Stunden das Weltgeschehen, um sein Publikum schlussendlich in einem Zustand zwischen Erheiterung und Nachdenklichkeit zu entlassen.

Ein jeder, der sich am gestrigen Abend auf dem Weg zum Theater machte, hätte wohl an diesem verregneten Tag nicht gedacht, dass ein einzelner Künstler den kulturellen Stern der ältesten Stadt Deutschlands höher schnellen lassen würde. Zumindest all jene, die Rether nicht zuvor einmal live oder im Fernsehen erlebt hatten. Der Wahl-Essener wurde mit allen bedeutenden Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, die ein Künstler seiner Zunft gewinnen kann, beispielsweise mit dem „Deutschen Kabarettpreis“ im Jahr 2010, ist regelmäßiger Gast der ZDF-Satire „Neues aus der Anstalt“ und gilt als einer der besten politischen Kabarettisten des Landes. Die Feuilletons sind voll des Lobes über Rether und sein Programm „Liebe“, mit welchem er nun schon seit 2005 auf Tour geht, dessen Inhalt er jedoch stets um aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Diskurse erweitert. Der in Rumänien geborene Kabarettist klimpert süffisant auf dem Piano, zeitgleich plaudert er scheinbar nebensächlich über zahlreiche Paradoxien der westlichen Gesellschaften, der Globalisierung und des kapitalistischen Systems im Allgemeinen. Rether ist provokant, analysiert gnadenlos und wirft unangenehme Fragen auf, die das Publikum, gleich welcher politischer Couleur, zum Nachdenken und Hinterfragen anregen, ohne dabei zu moralisieren. Er will nicht missionieren, seine Worte sind viel mehr ein Plädoyer für Empathie und kritische Meinungsbildung.

Dem Trierer Publikum eröffnete der Kabarettist auf diese Art neue Blickwinkel auf Diskurse wie die zur Eurokrise, welche ansonsten in den Polit-Talkshows langatmig und ergebnislos geführt werden, stets begleitet von feinsinnigen Pointen. So zeigte er sich gespielt erschrocken darüber, dass er ebenso wie Hans-Olaf Henkel, seines Zeichens ökonomischer Chefideologe der „AfD“, intellektuelles Verständnis für die Vorteile des Abwertens von regionalen Währungen habe („Dann haben die rausgekriegt, dass Henkel das auch findet. Ich will nicht dasselbe finden wie Henkel“). Seine Pointen bringt Rether dabei linguistisch flexibel, mal geschliffen formuliert, mal in einer plakativen Direktheit ausgesprochen. Im Trierer Theater persiflierte der 44-jährige nicht nur die Angst vor Terroranschlägen in Deutschland („Während des Oktoberfests ist über der Theresienwiese eine Flugverbotszone“), auch kritisierte er, stellvertretend für den Konsumhunger der westlichen Welt, Massentierhaltung und Ressourcenverschwendung. Letztere wurde mit dem Verzehr von mehreren Bio-Bananen visualisiert, die selbstverständlich ein „Flugzeug mit Rapsöl-Motor“ eingeflogen habe. Kenner seines Programms war dieser Clou zwar bekannt, ebenso wie das ritualisierte Putzen des Flügels und anschließende Falten der verwendeten Microfasertücher („Die gehen nach einmal waschen schwer auf Kante“), dennoch weiß Rether seine Erzählungen zu variieren und regional anzupassen: Während er über die Plagiatsaffäre des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg und die Steueraffäre von Bayern-Boss Uli Hoeneß plaudert, stellt er jene nur als Spiegelbilder der deutschen Gesellschaft heraus („Wir sind ein Volk von selbstgerechten Arschgeigen“) und wettete, dass „wahrscheinlich halb Trier in Luxemburg tanken geht“. Nach mehreren Seitenhieben auf die katholische Kirche und deren oberste Vertreter im Vatikan, universeller Religionskritik und anschließendem Plädoyer für eine vollständig säkularisierte Gesellschaft, einer Auseinandersetzung über Integrationspolitik und Islamfeindlichkeit („Das Buch von diesem Sarasani“), beendete der ebenfalls äußerst versierte Pianist nach fast vier Stunden sein Programm mit einer Interpretation von Michael Jacksons „Earth Song“. Das Publikum verabschiedete ihn mit Standing Ovations. (ros)

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