Fünf Gründe, warum Trier Edward Snowden kein Asyl gewähren sollte

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    Internet, was ist denn das? Diese Frage hört man nicht nur im Kommentarbereich von lokalo.de häufiger, ist doch jenes blitzeneue Kommunikationsmittel selbst für die Bundesregierung „Neuland“ (A. Merkel).So überrascht es nicht, dass der BND nicht ahnen konnte, dass befreundete Nationen das Vertrauen von Michel und Germania ausnützen könnten, indem sie mal bei der deutschen Produktentwicklung reinhorchen oder versuchen, sich vertrauliche Infos zu unserer Sonderbeziehung mit dem lupenreinen Demokraten (Gerhard Schröder dixit) im Kreml zu verschaffen. Schließlich hat Uncle Sam die schönen, runden Schneeballskulpturen im pittoresk-bajuwarischen Bad Aibling vorwiegend zur Landschaftsverschönerung aufgestellt, weshalb der BND, der auch hier nix wusste, sie mit dem poetischen Deck – ähhh Künstlernamen „Hortensie“ bedachte.

    Da ist es doch gut, dass sich für im eigenen Land abgewählte (oder in den etablierten Parteihierarchien gar nicht erst aufgestiegene) politische B- bis D-Prominenz immer noch ein warmes Plätzlein an Straßburger und Brüsseler Fleischtöpfen findet. Wir dürfen uns also glücklich schätzen, dass die Guy Verhofstadts und Michael Schulzes des real existierenden Lissabon-Europas Obama mal so richtig die Meinung fiedeln. Der wird umso beeindruckter sein, als man sicherheitshalber vorab betont, SELBST-VER-STÄND-LICH die Verhandlungen über das geplante transatlantische Handelsabkommen NICHT in Frage stellen zu wollen – allenfalls der für die amerikanische Ökonomie so wichtige Wirtschaftszweig der Orchideenzucht könnte von möglichen Sanktionen betroffen sein.

    Edward Snowden, der sympathische Alarmistenpfeifer, der den finsteren und allseits gänzlich unvermuteten Machenschaften des US-Militärgeheimdienstes NSA – mit nur rund 38.000 Mitarbeitern und einem geschätzten Jahresbudget von rund 10.000.000.000 $ (in Worten: zehn Milliarden Dollar) wahrlich eine schlanke Behörde im Geiste des angelsächsischen Minimalliberalismus – die Maske von der hässlichen Fratze gerissen hat, hockt derweil noch immer in einem postkommunistischen Flughafenterminal und fühlt sich mittlerweile wahrscheinlich wie die inverse Fassung eines Tom-Hanks-Films.

    Dem Vernehmen nach hat der venezolanische Präsident Nicolas Maduro, langjähriger Hugo-Chavez-Schleppenträger und somit US-Intimfeind, Schutz vor „imperialistischer Verfolgung“ angeboten. Eine saubere Sache, könnte man meinen, ausgleichende Gerechtigkeit mithin, denn unter Chavez mussten bekanntlich venezolanische Oppositionelle im Ausland Asyl beantragen (auch Amnesty International und Human Rights Watch waren im „Realsozialismus light Marke Chavez“ nicht immer gerne gesehen) heute nimmt Venezuela seinerseits Asylsuchende auf. Jetzt aber ist der lokalo-Redaktion zu Ohren gekommen, dass auch die Stadt Trier erwägt, Snowden unter Berufung auf die kurfürstliche „Ver- und Beyordnung zum Schutz und sorglicher Aufnahme landtfrembder Christenmenschen, so ungerecht Verfolgung leyden“ aus dem Jahre 1726 Asyl anzubieten. Aufgrund eines Formfehlers bei der Aufhebung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durch den Reichdeputationshauptschluss im Jahre 1803 sei diese übersehen worden und folglich noch immer rechtskräftig, wie es aus dem zuständigen städtischen Ausländeramt heißt.

    Doch wäre Asyl für Snowden in Trier wirklich wünschenswert? lokalo meint: „Nein!“ Dagegen spricht:

    1. Die Tradition

    Trier ist Kaiserstadt, dieses Erbe verpflichtet. Jenen pickeligen Transparenzaposteln mit Justin-Bieber-Frisuren, der piratesken Enkelgeneration der Pershing-und-Wackersdorf-Müslis vom Jahre Tschernobyl, mag es ja wünschenswert erscheinen, dass ein jeder alles und jedes über jeden weiß und hinausposaunt, selbst jenen Mikrorest an sexueller Präferenz und politischer Überzeugung, den man in seltenen Ausnahmefällen noch nicht selber bei Facebook kundgetan hat. Doch die ewige Stadt Trier verfügt über eine wohldokumentierte Geschichte, die bekanntlich bis zu den Assyrerkönigen und den römischen Cäsaren zurückreicht. Wie hätte es wohl der in Trier residierende Valentinian gefunden, wenn sein Hofpoet Ausonius, statt bei des Kaisers Feldzügen gegen Alemannen und Burgunden fleißig Verslein auf den Moselfluss zu schmieden, den germanischen Stammeskriegern nicht nur die gesamte Korrespondenz der kaiserlichen Kanzlei zugespielt hätte, sondern obendrein noch im verfeindeten Partherreich um Asyl gebeten hätte? Nein, einem subversiven Element wie Snowden kann Trier keine Aufnahme gewähren, ohne seine eigenen Traditionen preiszugeben.

    2. Die Belastungen für das Gesundheitswesen

    Das Leben in Trier ist gefahrvoll und risikoreich. Immer wieder ist lokalo.de gezwungen, tragische Schicksale ahnungsloser Bürger aufzugreifen, die nichtsahnend von umstürzenden Bäumen getroffen werden. Auch mancher Disput im Umfeld des Bahnhofs endet mit nicht nur einem blauen Auge. Daher kann Trier sich glücklich schätzen, mit den Marien-, Brüder-, Borromäerinnen- und Elisabethkrankenhäusern über medizinische Einrichtungen von bundesweitem Renommee zu verfügen, deren hochqualifizierte Spezialisten den Bürgern zur Seite stehen, wenn Schuh und Kniegelenk drücken. Edward Snowden aber leidet an Epilepsie. Zwar würde dies wieder eher zur historischen Tradition der Kaiserstadt passen, denn auch Cäsar war Epileptiker, allein so lange die Frage nicht geklärt ist, wer eventuelle Behandlungskosten in den Trierer Kliniken trägt, ist eine Aufnahme Snowdens auf Grund enger Budgets und dünner Personaldecken im Gesundheitswesen politisch nicht zu verantworten.

    3. Der Standortfaktor

    Trier ist Hochschulstandort mit Schwerpunktsetzungen in den Bereichen Wirtschafts-Informatik und  Ingenieurswissenschaften. Universität und Fachhochschule verfügen über wertvolles Knowhow, das vor unbefugtem Zugriff zu schützen ist. China und Russland hätten Snowden nicht so eilfertig weitergeholfen, wenn dieser sich nicht seinerseits als hilfreich erwiesen hätte. Journalistenlegende Don F. Jordan vermutet sicher richtig: Ohne Komplettabsaugung der Laptops wäre Snowden nie aus Hongkong rausgekommen. Ein Snowden, der womöglich auf der Gehaltsliste von VRC oder KGB-Putin steht, wäre für die international angesehenen Trierer Forschungseinrichtungen ein unkalkulierbares Risiko.

    4. Die kulturelle Sensibilität

    Trier ist eine weltoffene Stadt. Vorbei sind die Zeiten rein moselfränkischer Weinselig- und Bräsigkeit – Multikultur und Buntheit regieren in unserer Stadt, in der Menschen aller Zungen und Konfessionen zusammenleben. Baskische Bistrokultur und neobabylonischer Heidentempel im Altstadtbereich zeugen von Toleranz, Weltoffenheit und frischem Wind – Schmelztiegel-Feeling eben. Edward Snowden dagegen stammt aus North Carolina, also aus einem vormals sklavenhaltenden Staat im Deep South der USA. In den Zeiten oscarprämierter, spielbergianischer Lincoln-Verehrung darf Deutschland, eingedenk seiner eigenen historischen Bürde aus den dunkelsten Kapiteln, das multikulturelle Kapital, das es sich hart erarbeitet hat, nicht aufs Spiel setzen, indem es einem Mann Schutz bietet, dessen Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater möglicherweise Menschen mit dunkler Haut diskriminiert haben könnte. Die mahnenden Worte der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten sollten uns hier in den Ohren klingen.

    5. Die geopolitischen Risiken

    In Syrien hat Präsident Obama deutlich gemacht, dass die USA unter seiner Führung gewillt sind, einmal gezogene, rote Linien kompromisslos zu verteidigen. Rheinland-Pfalz ist noch immer, unbeschadet des erfolgreichen Strukturwandels, Flugzeugträger der NATO. Von Spangdahlem über Ramstein bis Miesau zieht sich ein dichtes Netz amerikanischer Militärpräsenz durch unser Bundesland. Und in den Depots des Landstuhler Regional „Medical“ Centers sollen ja nicht nur Aspirin und Hustensaft lagern. Trier kann es sich nicht leisten, durch eine Aufnahme Snowdens einen internationalen Zwischenfall auszulösen, der möglicherweise militärische Konsequenzen nach sich zieht. Sollte Obama erneut rote Linien ziehen, droht ein Flächenbrand, der ganz Vordereurasien (vulgo: Westeuropa) in Mitleidenschaft ziehen könnte.

    Fazit: Man kann sich zwar freuen, dass Snowden dem Welthegemon und seinem britischen Wurmfortsatz GCHQ (was übrigens nach einem Lifestyle-Magazin für Herren klingt) ein Schnippchen geschlagen hat, allein für die Stadt Trier ist die Sache doch ein bisschen zu heiß. Vorerst sollte man kleinere Brötchen backen und sich auf Themen wie „Stadt am Fluss“ und besonders ECE konzentrieren. Vielleicht suchen ja aber bald Mohammed Mursi oder Recep Tayyip Erdogan um Asyl nach – und dann stellt sich die Frage erneut.

    Unser neuer Autor Alexander Scheidweiler glossiert in loser Reihenfolge das Tagesgeschehen. Ob große Welt- oder Regionalpolitik oder den Alltag. Aber immer mit einem Seitenblick auf die Heimat von lokalo – Trier.

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    1 KOMMENTAR

    1. Kleiner Tipp für das nächste Mal: Kürzer. Das ist schon sehr lang und wohl kaum einer kommt bis zum Ende. Ändert aber nix daran, dass ich es geil fand!! 😀

    2. Wut? Wo war dass denn witzig? Es gab nichtmal nen Bezug auf irgendwas. Mir fallen mindestens genauso viele Argumente zum Thema „Warum Sie Ihren Kolumnisten fristlos entlassen sollten“ ein.

    3. Junge, junge. Da wollte aber einer mit seinem Wortschatz und Wissen mal richtig einen raushauen. Nach durchlesen des dezenten Kommentares musste ich jedoch an den Buchtitel von Shakespeare denken „Viel Lärm um nichts“ und an Robert Browning`s Passage „less is more“.

    4. Ich finde diese Glosse sensationell gut. Okay – vielleicht etwas lang, aber äußerst unterhaltsam. Und das sollte die oberste Prämisse bei einer Glosse sein.

    5. Meine Güte!

      Seit wann gehört North-Carolina zum „deep south“?

      Und hat es sich noch nicht bis Trier herum gesprochen, dass die NSA Station Bad Aibling bereits in 2004 endgültig geschlossen wurde und es auch seitdem keine „Schneeballskulturen“ mehr gibt?

    6. Klasse Kommentar! Hat meine grauen Gehirnzellen mächtig in Schwung gebracht. Das Schmunzeln beim Lesen hat meinen Serotoninstoffwechsel wunderbar erhöht. Und wegen etlicher neuer Informationen über Trier wurde auch noch mein Heimatgefühl gestärkt. Danke!

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