Gott grüß die Kunst! – Kornuten auf dem Kornmarkt gegautscht

0

TRIER. Was sonst Beichtstuhl und Priester übernehmen, erledigt bei den Auszubildenden des graphischen Gewerbes, hier Kornuten genannt, ein mit eiskaltem Wasser gefüllter Bottich: Während der Gautschfeier auf dem Kornmarkt wurden sie von den Sünden und dem Bleistaub der Lehrzeit befreit – und  zu hoffentlich fehlerlosen Gesellen getauft. Das Spektakel wurde von vielen Zuschauern verfolgt.

Es war die Ruhe vor dem Sturm. Einem Gruppenfoto der Kornuten, gemeinsam mit dem Zeremonienmeister, dem Schwammhalter und den Packern, folgte der Marsch über den Kornmarkt auf die Bühne. Der Zeremonienmeister und Obermeister des graphischen Gewerbes, Jürgen Nilles, gab einen kurzen Einblick in die Tradition des Gautschens und freute sich über die zahlreichen Drucker unter den Absolventen – 14 Kornuten schlossen erfolgreich die Lehre in der Kunst Gutenbergs ab. „Es ist schön zu sehen, dass es immer noch Nachwuchs in diesem schönen Beruf gibt. Einen Tipp will ich aber dennoch geben: Seien sie offen für alle Veränderungen in diesem Beruf, verschließen Sie sich vor nichts“, mahnte Nilles, in die typische Tracht des Zeremonienmeisters gekleidet. Weitere „Schwarzkünstler“ kommen aus der Branche der Mediengestalter, Buchbinder und Verpackungsmittelmechaniker.

Anschließend schritt Christian Reuter von der IHK Trier zum Mikrofon. Die Lederschürze verriet den Zuschauern, dass er auch im späteren Verlauf noch eine Rolle spielen würde. Zunächst gratulierte er aber dem Abschlussjahrgang, in dem alle 47 Prüflinge bestanden hatten. „Was sie gleich sehen werden, ist keine Foltermethode, alle Kornuten sind freiwillig hier. Zudem möchte ich sie bitten, die Zone um den Wasserbehälter freizuhalten, da es hier gleich sehr nass werden wird und wir auch keine Rücksicht auf ihr Equipment nehmen werden“, kündigte Reuter die eigentliche Zeremonie an. Dann wurde es ernst – Nilles sprach die Zuschauer, Zeugen genannt, an, und vereidigte anschließend die Kornuten.

„Es sei künftig mein Bestreben, stets ein tugendhaftes Leben“ – die Kornuten wiederholten den Spruch erst weniger, dann sehr kraftvoll. Das Prozedere begann und der erste Kornute wurde aufgerufen. Die Auszubildenden mussten zunächst auf einem Stuhl Platz nehmen, auf dem ein in Wasser getränkter Schwamm lag. Anschließend nahm Willi Patejdl einen großen Trichter und ließ es dem Kornuten im wahrsten Sinne eiskalt den Rücken herunter laufen.  Erst jetzt begann die Arbeit der Packer, zu denen auch Christian Reuter von der IHK Trier gehörte. Zu viert packten sie die Absolventen und beförderten sie – je nach Lust und Laune, wobei wohl auch die Benotung eine Rolle spielte – mehr oder weniger häufig kopfüber in die kalte Bütt. Das Wasser wurde um 16 Uhr eingelassen und hatte laut Olaf Fackler von der  Kreishandwerkerschaft Trier-Saarburg „nicht unbedingt Badetemperatur“. Einige erlebten auch eine Sonderbehandlung mit Shampoo, sofern sie mit aufwendig gestylten Frisuren zu der kalten Taufe erschienen. Packer, Schwammhalter und Zeremonienmeister wurden allesamt früher selbst gegautscht und sind Meister ihres Handwerks.

Sven Schanz und Marco Niemann aus Traben-Trarbach gehörten auch zu den Kornuten. Mut antrinken mussten sie sich im Vorfeld nicht. „Klar hat man kurz vorher einen kleinen Adrenalin-Kick, aber Bammel hatten wir nicht. Das Wasser war auch nicht so kalt, wie erwartet.“ Die beiden sind ausgebildete Drucker – und kamen ganz unterschiedlich zu ihrer Entscheidung. „Bei mir war es so, dass mein Vater schon Drucker war und es mich immer schon gereizt hat. Nach einem Praktikum in der Firma meines Vaters stand die Entscheidung dann fest“, so Sven Schanz. Bei Marco Niemann kam es durch einen Wechsel des Fußballvereins zu der Entscheidung, eine Ausbildung zum Drucker zu machen. „Die Druckerei war Sponsor des Vereins, ich schnupperte rein und es gefiel mir sehr gut.“ Den Brauch des Gautschens, da sind sich beide ebenfalls einig, solle man beibehalten. „Das ist ein großer Spaß.“ Auch die vielen Frauen unter den Absolventen sprachen sich für einen Erhalt der Gautschfeier aus, „weil es einfach etwas Besonderes ist!“

Für diese Sichtweise sprach auch die Anzahl der Zuschauer. Oft ging ein Raunen, gefolgt von großem Gelächter durch das Publikum. „Ich finde das ist wirklich eine tolle Veranstaltung. Meine Frau und ich sind zufällig vorbeigekommen und konnten uns gar nichts darunter vorstellen. Die Auszubildenden tun mir zwar leid, aber es gibt ja Schlimmeres als eine kalte Dusche an einem warmen Sommerabend“, lachte Lothar (69 Jahre) aus Trier.

Nachdem alle ihre kalte Taufe erlebt hatten, wurde ihnen anschließend der Gautschbrief überreicht. Leider nahmen nicht alle erfolgreichen Prüflinge an der Zeremonie teil – einige fehlten entschuldigt. Ob sie noch nachträglich gegautscht werden, blieb offen. (cw)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.