Mit Speck fängt man Mäuse

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Bildquelle: ECE

Das Vorgehen von ECE, an Stadtratsmitglieder Briefe zu verschicken, um das eigene Unternehmen in ein positiveres Licht zu rücken, ist nicht illegal. Die Adressen aller Parlamentarier, die in wie auch immer bezeichneten Ausschüssen sitzen, sind auf der Seite der Stadt Trier hinterlegt und öffentlich zugänglich.

Das Vorgehen von ECE, an Stadtratsmitglieder Briefe zu verschicken, um das eigene Unternehmen in ein positiveres Licht zu rücken, ist nicht illegal. Die Privatadressen aller Parlamentarier, die in wie auch immer bezeichneten Ausschüssen sitzen, sind auf der Seite der Stadt Trier hinterlegt und öffentlich zugänglich.

Dennoch wirft diese Aktion, eine Woche nach dem peinlichen Auftritt bei der Podiumsdiskussion im Humboldt-Gymnasium, ein bezeichnendes Licht auf die Vorgehensweise des Projektentwicklers. „Mit Speck fängt man Mäuse“, sagt der Volksmund. In den Chefetagen der Industrie hat man dafür ein einziges Wort kreiert: Lobbyismus. Wären hier Senioren zu einer Busreise eingeladen worden, würde man von einer Kaffee- oder Butterfahrt sprechen, bei denen man den älteren Herrschaften „für en Appel und en Ei“ Fahrt nebst Mittagessen anbietet, um ihnen dann Billigware in Form von Heizdecken, Schnellkochtöpfen oder Antifaltencreme überteuert anzubieten.

Was ECE macht, erinnert aber auch stark an eine Kaffeefahrt. Seit die Firma feststellt, dass ihnen der Gegenwind immer heftiger ins Gesicht bläst und ihre derzeit einzig verlässliche Bastion im Ringen um den Zuschlag für die Errichtung des neuen Centers Klaus Jensen heißt, werden eben alle Register gezogen. Wie lohnend muss es doch sein, wenn die Volksvertreter zu den ECE-Centern dieser Republik gekarrt und werden, dort – ein Schelm, wer Böses dabei denkt – mit den Entscheidungsträgern der Städte sprechen können, die die Center bereits abgenickt haben und die den Teufel tun werden, daran was Schlechtes zu finden. Unterwegs werden die Damen und Herren, manche zum zweiten Mal, wenn sie bei der Podiumsdiskussion anwesend waren, erneut mit dem aus Eigenproduktion stammenden Werbefilmchen berieselt, in dem die schöne heile ECE-Welt beschrieben wird. Vor der Rückfahrt, die sicherlich auch noch reichlich Gelegenheit zu garantiert sehr informativen Einzelgesprächen bietet, wird man noch eine vermutlich bombastische Präsentation im „Objekt der Begierde“ erleben dürfen.

Meine Herren von ECE, wie gesagt, es ist alles legitim. Aber glauben Sie wirklich, dass die Stadträte nicht in der Lage sind, sich selbst ein Bild der Lage zu machen? Oder ist die Gefahr dann einfach zu groß, dass es nicht zu Ihren Gunsten ausfällt? Es wäre mehr als enttäuschend, sollten die von uns gewählten Vertreter der Stadt sich davon beeindrucken lassen.

Dann wäre nur noch zu klären, wie Sie an die Adressen von einigen Journalisten kommen. Vielleicht haben Sie die auch von der Seite der Stadt. Aus der Rubrik, wo die in Trier beheimateten Medien aufgeführt sind. Aber dann haben sie ja was verwechselt, weil sie uns als Stadtratsmitglieder bezeichnet haben. Ich persönlich würde, wenn ich die Zeit dafür hätte, mit ihnen in jede Stadt fahren, die eine ECE-Mall beheimatet. Billiger komme ich da schließlich nicht hin. Ergebnisoffen ist bei mir aber nichts mehr. Ich will diese Mall oder wie immer sie sie auch bezeichnen mögen, in Trier nicht sehen.

1 KOMMENTAR

  1. Dass ein Handelsriese wie ECE intensives Lobbying betreibt, kann tatsächlich niemanden überraschen – eher schon, dass den smarten PR-Profis der Fauxpas unterläuft, der Presse das gleiche Schreiben zukommen zu lassen, das eigentlich der Kommunalpolitik zugedacht war. Verwunderlich zudem, dass ausgerechnet ein SPD-OB dem Großkonzern Schützenhilfe gibt, denn obgleich Klaus Jensen nicht müde wird zu betonen, dass noch nichts unterschreiben sei, würde eine Entwicklungsvereinbarung nach des Verwaltungschefs eigener Aussage bedeuten, dass „wir während der Laufzeit von drei Jahren mit niemand anderem verhandeln“. Die Verwunderung steigert sich noch, wenn man sich vor Augen führt, dass laut Berichterstattung der Regionalpresse in den Stadtratsfraktionen durch die Bank Skepsis gegenüber einem möglichen ECE-Center vorherrscht, teilweise sogar offene Ablehnung, und dass diese kommunalpolitische Skepsis sich auch auf der zivilgesellschaftlichen Ebene wiederfindet. So war es bei der Podiumsdiskussion im Humboldt-Gymnasium der wissenschaftliche Experte für Stadtentwicklung, Prof. Muschwitz von der Universität Trier, der das Offensichtliche aussprach: Wenn es so ist – und es ist so – dass Trier sich ohne große Center als attraktiver Einzelhandelsstadtort etablieren und behaupten konnte und kann, stellt sich die Frage, warum man jetzt auf einmal ein Center benötigt, wenn man ja ebenso gut die bestehenden Strukturen weiterentwickeln könnte. Dies gilt umso mehr als der Vertreter der City Initiative der Trierer Einzelhändler zu Recht bemerkte, dass es durchaus nicht sicher ist, dass ein Center in der Innenstadt Frequenzsteigerung für alle mit sich bringt. Denn da ist sich jeder zunächst `mal selbst der nächste. Bewirkt ein Center, dass auch für die umliegenden Geschäfte etwas abfällt, ist das schön für das jeweilige Center-Management – wenn nich‘, auch gut, so lange die eigenen Zahlen stimmen.
    Um in die Zukunft zu schauen: Wenn man eine attraktive und individuelle Einzelhandelslandschaft für Trier sicherstellen will, die das Besondere pflegt, statt den immer gleichen Einheitsbrei aufzukochen, werden zwei Dinge entscheidend sein – erstens die Charakterstärke der Stadträte, sich nicht vom Kaffeefahrten-Lobbying der ECE-Ohrenbläser bzw. unrealistischen Versprechungen hinsichtlich der entstehenden Arbeitsplätze einlullen zu lassen, und zweitens der Elan der Trierer Händler selbst, im Dialog mit Verwaltung und Kommunalpolitik ein Konzept zu erarbeiten, das konkretisiert, wie man die bestehenden Strukturen aussichtsreich und ohne dominanten Riesen-Konzern weiterentwickeln kann.

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