Missbrauchs-Prozess: Frau verurteilt – Verhandlung gegen den Mitangeklagten geht weiter

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TRIER. Am heutigen Mittwoch wurde der Prozess gegen eine 41-jährige Frau und einem 54-Mann vor dem Landgericht Trier fortgesetzt (lokalo berichtete mehrfach). Die Anklage lautet: Gemeinschaftliche sexuelle Handlungen an einem Säugling. Die Angeklagte B. wurde von der großen Jugendstrafkammer für schuldig gesprochen. Der Prozess gegen den Mann geht im Juli in die nächste Runde.

In der heutigen Verhandlung wurden neue Beweisanträge vom Verteidiger des Angeklagten C., Rechtsanwalt Christian Hass aus Ludwigshafen, verlesen:

Beweisantrag 1: Erstellung eines physiologisch-psychologischen Gutachtens

Zum Zeitpunkt des Missbrauchs, war das Opfer zwei Monate alt. Der Anwalt argumentierte damit, dass sich das Kind im Laufe seiner Entwicklung nicht mehr an den Vorfall erinnern würde. Dies begründete er mit der Tatsache, dass die Gehirnentwicklung erst im Alter von drei Jahren abgeschlossen ist. Demnach war zum Tatzeitpunkt das autobiographische Gedächtnis, welches persönliche Erlebnisse abspeichert, noch nicht entwickelt.

Staatsanwältin Kristina Speicher sieht keine Notwendigkeit eines Gutachtens. „Selbst wenn das autobiographische Gedächtnis noch nicht ausgebildet war, heißt das noch nicht, dass keine Folgeschäden zu erwarten sind.“

Beweisantrag 2: Ladung weiterer Zeugen

Es sollen weitere Zeugen geladen werden, die Hinweise über die Unschuld von C. liefern können. Speicher hatte keine Einwände gegen den Antrag.

Beweisantrag 3: Einholung eines kriminologischen und graphologischen Gutachtens

Auf einer beschrifteten CD, die beim Angeklagten gefunden wurde, fand sich kinderpornographisches Material. C. bestreitet vehement, dass der Datenträger ihm gehöre und vermutet, Opfer einer Intrige geworden zu sein. Demnach soll seine ehemalige Lebensgefährtin alles versuchen, ihn hinter Gitter zu bringen. Als Auslöser führt C. zum einen die Eifersucht gegenüber anderen Frauen an. Zum anderen soll seine Ex-Freundin in Erfahrung gebracht haben, dass sich C. sexuell an einem Säugling vergangen haben soll. Durch ein kriminologisches Gutachten könnten die Fingerabdrücke, sowie mögliche DNA-Spuren auf der CD untersucht werden. Mithilfe des graphologischen Gutachtens kann eine Aussage über die Deckungsgleichheit der Schrift auf dem Datenträger und der  Handschrift des Angeklagten gemacht werden.

Die Staatsanwältin hält ein graphologische Gutachten nicht für notwendig: „Selbst wenn der Gutachter zu dem Schluss kommt, dass die Schrift auf der CD nicht mit der Handschrift von C. übereinstimmt, heißt das noch nicht, dass er den Datenträger nicht doch beschriftet haben kann. Vielleicht hat er seine Schrift bewusst verändert.“

Beweisantrag 4: Kontrolle des Fahrtenschreibers eines Omnibusses

Dem Angeklagten wird von der Kammer um den Vorsitzenden Richter Albrecht Keimburg vorgehalten, der Angeklagten B. kindepornographisches Material über das Internet zugeschickt zu haben. Zu der Zeit, als der Angeklagte noch nicht in Untersuchungshaft saß, war er, neben seiner Arbeit für ein Kosmetikunternehmen, als Busfahrer tätig. An dem Tag als die E-Mail verschickt wurde, befand er sich laut eigener Aussage am Steuer eines Busses. Dies könnte bei Vorlage des Fahrtenschreibers nachgewiesen werden.

Die Staatsanwaltschaft widersprach diesem Antrag nicht.

Beweisantrag 5: Einholung eines sprachsemantischen Gutachtens

Hier geht es um eine SMS, die von dem Angeklagten an die Angeklagte B. geschickt worden sein soll („Schick mir mal eine Windel“). Für die Kammer ist dies interessant, da sie sich ein Bild über die sexuellen Vorlieben von C. machen möchte. Würde sie zu dem Schluss kommen, dass die SMS tatsächlich von dem Angeklagten verschickt worden ist, so könnte das ein Hinweis auf ungewöhnliche sexuelle Neigungen sein. Damit könnte auch ein generelles Interesse an Kinderpornographie in Verbindung gebracht werden. Mittels eines sprachsemantischen Gutachtens soll beurteilt werden, ob der Schreibstil der SMS mit dem gängigen Stil des Angeklagten übereinstimmt. Speicher sieht diesen Antrag kritisch, da C. auch hier seinen Schreibstil bewusst manipuliert haben könnte.

Die Entscheidung über die Beweisanträge seitens der Großen Jugendstrafkammer wird während des nächsten Prozesstermins verkündet. Wegen der gestellten Anträge wird sich das Urteil in Bezug auf den Angeklagten C. weiter hinauszögern.

Ganz anders sah es im Fall der Angeklagten B. aus. Die Beweisaufnahme wurde abgeschlossen und die Kammer verkündete das Urteil. Zuvor verlas die forensisch-psychiatrische Sachverständige Dr. Sylvia Leupold ihr Gutachten. Sie konnte bei B. keine Persönlichkeitsstörung diagnostizieren, allerdings sprach sie von einer auffälligen Akzentuierung. Die Angeklagte zeige demnach ängstlich-vermeidende Tendenzen. Was die sexuelle Beziehung zum Angeklagten C. anging, so habe sie alles versucht, um von dem Mann wertgeschätzt zu werden. Aus diesem Grund habe sie ihm keinen Wunsch abschlagen können, sei er auch noch so abwegig. Die Voraussetzung zur Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus ist ihrer Einschätzung nach nicht gegeben. Weiterhin geht die Medizinerin davon aus, dass sich die Wiederholungsgefahr auf ein Minimum reduzieren werde, sofern B. ihre Psychotherapie weiterführe und sie sich insgesamt etwas mehr öffne.

Die Staatsanwältin plädierte auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von 2 Jahren und 9 Monaten ohne Bewährung. Als strafmildernd führte sie an, dass sich die Angeklagte sehr früh geständig gezeigt hatte. Zusätzlich vermutet sie den Angeklagten C. als Ideengeber des Missbrauchs. Auch die Tatsache des verminderten Selbstwertgefühls und der Suche nach Anerkennung hatten Einfluss auf die Höhe des Strafmaßes.

Die Verteidigerin Martha Schwiering schloss sich den Begründungen der Staatsanwältin an. Allerdings plädierte sie auf eine Freiheitsstrafe von nicht mehr als 2 Jahren mit Bewährung. Sie appellierte an die Kammer und nannte als wesentlichen Grund für die Bewährung, dass es für B. besser wäre, die Therapie fortzusetzen. Hierbei verwies sie auf die Empfehlung von Dr. Leupold.

Letztlich verurteilte die große Jugendstrafkammer die Angeklagte zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 2 Jahren auf Bewährung, wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen sowie versuchten sexuellen Missbrauchs. „Bei der Entscheidungsfindung ging es uns nicht darum, die Angeklagte zu bestrafen. Ziel ist eine Resozialisierung“, so Richter Keimburg. Als Gründe für die milde Strafe nannte er das frühe Geständnis, die bereits verbrachte lange Zeit in Untersuchungshaft, den Zeitpunkt der Tat – sie bereits sechs Jahre zurück – und die Tatsache, dass C. seit dem nicht mehr straffällig in Erscheinung getreten ist. (tw)

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