Die Welt aus den Fugen

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ECHTERNACH. Im ausgebuchten Saal des Trifolion im luxemburgischen Echternach trug Peter Scholl-Latour aus seinem Buch “Die Welt aus den Fugen” vor und versuchte etwas Ordnung in die Wirren der Gegenwart zu bringen.

Es stürmt und hagelt in der Weltpolitik, überall ziehen Gewitter auf und einer ist immer mittendrin: Peter Scholl-Latour. Zu allem und zu jeder politischen Lage, die er entweder miterlebt hat oder aus verlässlichen Quellen nachzeichnen kann, sagt der studierte Politikwissenschaftler seine Meinung. Mit seinem Gespür für weltpolitische Umbrüche begab er sich für sein neuestes Buch “Die Welt aus den Fugen” an die Brennpunkte des aktuellen Weltgeschehens.

Direkt am Anfang des Buches widmet er ein Kapitel dem arabischen Gelehrten und Historiker Ibn Khalduns. Dessen bekanntestes Werk “El Muquaddima”, ist eine Schilderung der Welt des 14. Jahrhunderts, die durch präzise Menschenbeobachtung und einen nüchternen Stil besticht. Die Historie von Dynastien, die Ibn Khaldun beschreibt, “hat nichts an Aktualität verloren”, so Latour. Neben den weltpolitischen Parallelen verkörpert Ibn Khaldun, wie kein anderer, eine intellektuelle Sicht des Islam, die Scholl-Latour bekanntlich sehr interessiert.

Daneben ist er wegen seines Arabistik-Studiums prädestiniert, die Umwälzungen, die im Nahen Osten stattfinden, zu analysieren. Kritisch äußert sich Latour über die “utopische Vorstellung der Deutschen”, der “Arabische Frühling” in Syrien sei eine Hinwendung zu Menschenrechten und Demokratie, “verdrehter könnten die Gewaltexzesse in Syrien nicht dargestellt werden.” Auch im Zusammenhang mit der deutschen Außenpolitik bedarf es mehr Ehrlichkeit, so Scholl-Latour. Im Kapitel “Eine Zarin aus der Uckermark” zeigt Latour kein Verständnis für die ständige Verschärfung der Sanktionen gegen eine ganze Reihe von Staaten, mit denen Deutschland eigentlich kooperieren könnte und nach seinem Credo auch sollte. “Eine Sanktion hat noch nie ein Regime zum Fall gebracht”, sagt Latour. Mit dem Erdölembargo gegen den Iran, welches von Washington angewiesen wurde, schade sich Deutschland lediglich selbst. Bei Afghanistan fehle ihm die kritische Berichterstattung, die zeigen müsse, dass Deutschland in Afghanistan versagt habe. Bereits seit 2003 wisse die Regierung, dass dieses Land “ein Loch ohne Boden” sei. Mehrmals während seines Vortrages betonte er das jetzige “Zeitalter der Desinformation” in der gezielt lediglich bruchstückhaft, oder gar nicht, über ein Ereignis berichtet wird.

Mit Prognosen über die Zukunft ist er an diesem Abend, genau wie in seinem Buch, vorsichtig und weist zunächst auf die Schieflage der Weltbevölkerung hin. Die “Herrschaft des weißen Mannes” sei bereits vorbei, allerdings hätten das noch nicht alle verstanden. Einzig auf China bezogen wagt er die Prognose, dass die Volksrepublik ab Mitte des 21. Jahrhunderts als globale Macht etabliert sein werde.

Für Scholl-Latour-Puristen könnte das aktuelle Buch eine Enttäuschung bereithalten. Die eingefügten Interviews aus verschiedenen deutschsprachigen Zeitungen tragen zwar zum Lesefluss bei, machen allerdings den Eindruck, als ob hier versucht wurde, auf möglichst schnelle Art etwas zu publizieren. Ansonsten stichelt Scholl-Latour wieder mit süffisanten Bemerkungen. Wie mit dem Spott über die internationale „Bussi-Bussi“-Begrüßungsmode der Spitzenpolitiker, die Titulierung der Kanzlerin als “Zarin aus der Uckermark” oder die Bemerkung, dass der ägyptische Staatschef Mursi Kurt Beck „ein wenig ähnelt“. Trotz weniger Kritikpunkte ist das Buch und vor allem Scholl-Latour auf der Bühne zu empfehlen. Anregungen und Diskussionsbedarf sind bei dieser Lektüre vorprogrammiert und garantiert. (yo)

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