Das Trierer Jugendparlament – ein Erfolgsprojekt? Interview mit dem Vorsitzenden Louis-Philipp Lang

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TRIER. Seit 2011 ist Louis-Philipp Lang Vorsitzender des Trierer Jugendparlaments (JuPa). Im Interview mit lokalo.de erzählt er von seinen Erlebnissen als Vorsitzender. Er erklärt unter anderem, warum er Gleichaltrige nicht für politikverdrossen hält, warum er es leid ist, sich für sein parteipolitisches Engagement zu rechtfertigen und wie die Überalterung des Stadtrates gestoppt werden könnte. Außerdem nennt er Perspektiven für die Neuwahlen des Jugendparlaments im November dieses Jahres.

Herr Lang, wie war die Zeit als Vorsitzender des Trierer Jugendparlamentes?

Louis-Philipp Lang: Schön, wir haben viel Aufmerksamkeit bekommen und wurden wahrgenommen. Wir haben viel erreichen können, uns häufig eingebracht. Die internen Debatten waren dabei aber oft langwierig und hart.

Woran lag das?

Lang: Es wurde ja in der Öffentlichkeit viel zum Thema Einfluss der Geschäftsstelle geschrieben und gesagt. Zunächst ist das richtig und man kann das so stehen lassen. Informationen, die wir im Jugendparlament bekommen haben, kam meist aus dem Dezernat von Angelika Birk. Diese waren meist schon politisch gefärbt, als Kommentare der Dezernatsleiterin dabei waren. Uns wurde meist bereits im Vorfeld gesagt, wovon wir die Finger lassen sollten. Schlussendlich wurde aber genau auf diese Kritik eingegangen. Hinzu kommt, dass wir anfangs vier Mitarbeiter hatten. Aus verschiedensten Gründen, wie gesundheitlichen Problemen, sind dann viele weggefallen, sodass wir jetzt nur noch eine 400-€-Kraft haben. Von diesem Zeitpunkt an war offensichtlich: sobald die Aktivität in der Geschäftsstelle abnimmt, läuft im Jugendparlament einiges gelassener. Die inhaltliche Beteiligung wurde intensiver, auch durch eine höhere Anzahl eingebrachter Anträge. Jetzt läuft es meiner Meinung nach gut. Die Geschäftsstelle war ja auch immer am Erfolg interessiert. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass alles so glatt wie möglich laufen sollte. Ist das Jugendparlament Projektveranstaltungsgruppe oder Jugendbeirat des Stadtrates? Das war die Frage, bei der es unterschiedliche Ansichten gab.

Hast du eine Antwort darauf?

Lang: Was meiner Ansicht nach in Trier bisher fehlte, war ein Gremium für die Mitwirkung Jugendlicher. Und es ist jetzt auch das, was wir daraus gemacht haben. Auf der nächsten Sitzung wird sich ein Antrag damit beschäftigen, wie sich das Jugendparlament selbst sieht.

Als was definiert ihr euch dort?

Lang: Als allgemeinpolitisches Gremium, das dem Stadtrat dabei hilft, jugendpolitische Belange zu vertreten. Wir haben ja jeweils einen Sitz im Schulträger- und im Jugendhilfeausschuss. Warum nicht auch im Beirat für Migration und Integration oder im Beirat für Menschen mit Behinderung? Wie weit geht die Befugnis des Jugendparlaments? Meiner Meinung nach wurde da bei der Vorbereitung auf das Jugendparlament fälschlicherweise nichts festgezurrt. Einige Mitglieder hatten sich das auch anders vorgestellt. Es gibt einige Mitparlamentarier, die ich nur zweimal gesehen habe. Sie dachten, dem Gremium würden Anträge und Anfragen vorgelegt, die nur beantwortet werden müssten. Das war auch anfangs kurzzeitig so, beispielsweise bei der Skaterhalle. Alle anderen Themen, zu denen wir uns geäußert haben, beruhten mehr oder weniger auf Eigeninitiative. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn der Vorstand nicht selbst auf die Tagesordnungen der Dezernate geachtet hätte. Generell hätten wir uns mehr Vernetzung gewünscht. Die FDP-Fraktion war jetzt beispielsweise die erste, die angefragt hat, ob wir uns mal treffen könnten. Es gab dazu auch schon Anfragen im letzten Jahr. Damals wurde uns aus unbegründeter Vorsicht heraus signalisiert, dass man sich noch nicht mit den Fraktionen treffen soll. Aus meiner Sicht wäre das aber auch schon damals wichtig gewesen. Die Vernetzung mit den kommunalen Parteien ist von elementarer Bedeutung.

A propos Parteien: einige der Mitglieder im JuPa gehören mittlerweile Parteien an. Wie wird das von den anderen Mitgliedern gesehen?

Lang: Wenn ich das richtig überblicke, haben wir aktuell vier SPD- und zwei CDU-Mitglieder im Jugendparlament. Von meinen übrigen Kollegen wird das sehr kritisch gesehen. Man muss sich dann auch immer rechtfertigen, dass man in einer Partei ist und sich engagiert. Aber im Prinzip sind Parteien ähnlich wie das Jugendparlament: man kann sich vernetzen und zusammen Positionen erarbeiten. Man tritt der Partei bei, mit der man die größte Schnittmenge hat und das ist bei mir nun mal die CDU. Außerdem ist es jedem freigestellt, ob und welcher Partei er sich anschließt.

Bist du es leid, dich rechtfertigen zu müssen?

Lang: Ja, definitiv. Vor allem gegenüber anderen Parteien. Es gibt einige im Stadtrat, die das Jugendparlament nicht ernstnehmen, weil ich in der CDU bin. Das halte ich für Schikane. Das ist einfach unangebrachte Kritik. Wir versuchen ja alle das Beste für unsere Stadt zu geben und wir leben schließlich in einer Demokratie, in der man auch andere Meinungen respektieren sollte. Die Unabhängigkeit des Jugendparlamentes bleibt dabei gewahrt, auch von mir persönlich. Es gibt nichts Wichtigeres, als diese aufrecht zu erhalten.

Ist das Jugendparlament ein gutes Mittel dafür, unter Jugendlichen parteipolitisches Interesse zu wecken?

Lang: Einige Jugendparlamentarier, die jetzt in Parteien sind, wären es auch ohne das Jugendparlament. Generell ist es aber schon so, dass die Teilnahme parteipolitisches Interesse weckt. Wir sind dabei definitiv keine Kaderschmiede oder Rekrutierungsstation, aber generell profitieren die Parteien davon, dass Jugendliche sich durch das JuPa für Politik interessieren. Das ist eben eine weitere Stelle, an der man sich einbringen kann.

Würdest du in der Rückschau betrachtet irgendetwas anders machen?

Lang: Spannende Frage. Unsere Positionierung in der Schulentwicklungsdebatte war wichtig, aber wir hätten sie wirksamer vertreten können. Auch die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit lief etwas holprig. Wir hatten insgesamt nur eine Pressekonferenz. Dort wurden die Ergebnisse der Fragebogenaktion vorgestellt. Die Auswertung ergab leider auch keine neuen Erkenntnisse. Es war im Prinzip eher eine nette Werbeaktion für alle, die daran teilgenommen haben, nach dem Motto “Hey, wir kümmern uns um euch!”. Aber die eigentliche Idee war ja, dass sich jeder Jugendliche in einem offenen Parlament einbringen kann. Von den 74 Bewerbern wurden ja nur 22 Kandidaten gewählt. Alle Nichtgewählten hätten sich sehr gerne weiter beteiligen können. Leider hat das so nicht stattgefunden.

Hast du den Eindruck, dass deine Altersgenossen politikverdrossen sind?

Lang: Politikverdrossen glaube ich nicht. Sie sind eher unwissend. Das ist manchmal wirklich erschreckend. Die Jugendlichen nehmen Politik nicht mehr als so wichtig wahr, man bildet sich nicht weiter, kommt mit Politik nicht in Berührung. Gleichaltrige fragen mich schon öfter, was ich in der Politik so mache, welche Ausschüsse es gibt, usw. Aber es gibt einen hohen Grad an Unwissenheit, wo und wie man sich überhaupt einbringen kann. Dabei muss man den Jugendlichen auch klar machen, dass es meist nicht um komplexe Steuergesetzgebungen geht, sondern es schon bei einfachen Sachverhalten beginnt. Wieso wird ein Jugendraum in der Nähe geschlossen? Wie viele Straßenlaternen gibt es in unserer Straße? Wie wird ein Brunnen gestaltet? Dass auch das schon Politik ist, darüber herrscht eine große Wissenslücke.

Was würdest du machen, um das zu ändern?

Lang: Es fehlt an Politikunterricht. Das Fach Sozialkunde müsste früher auf den Stundenplan, so wird das Interesse zu spät oder gar nicht geweckt. Auf dem Schulhof unterhält man sich über Musik oder Mode. Aber Politik kann genauso interessant sein, genauso emotional und mitreißend. Politikunterricht ab der 7. Klasse wäre sinnvoll. Dann könnte man auch das Wahlalter ab 16 einführen. Aber so sehe ich da Schwierigkeiten. Wenn der Gesetzgeber nicht den ersten Schritt macht, kann er den zweiten auch nicht erwarten. Offene Diskussionen über Alltagsthemen, Konfrontation mit aktuellen Ereignissen – damit müsste Politikunterricht sehr früh schon ansetzen.

Hat Politik auch Jugendparlamentsmitglieder abgeschreckt?

Lang: Ja, weil man schnell erkennt, dass Politik auch Arbeit ist. Alleine schon im Jugendparlament. Und im Stadtrat oder Ortsbeirat erst recht. Das ist ehrenamtliche Arbeit, die man neben seinem Vollzeitjob macht. Davor sollte man Respekt haben. Grundsätzlich hat das Jugendparlament aber Interessen geweckt. Alleine die Auseinandersetzung mit alltäglichen Problemen wie Schulschließungen oder Buspreisen polarisiert. Da bilden sich Meinungen, die für die politische Arbeit wichtig sind. Ganz allgemein hat das Jugendparlament die Meinungsbildung und auch das Selbstbewusstsein der Mitglieder gestärkt. Wir haben uns dabei selbst rhetorisch trainieren können. Und wir haben die Jugendlichen vertreten, also 10% der Bevölkerung, die sonst keine Stimme hätten. Das Landesbildungsministerium startete kürzlich eine Initiative “Jugendbeteiligung – was geht?”. Daran sieht man: Erwachsene verstehen nicht, wie Jugendliche wahrgenommen werden wollen. Da fühlt man sich nicht verstanden.

In anderen Städten treten “Junge Listen”, bestehend aus Jungpolitikern aller Parteien an, um ihre Altersgruppen vertreten zu können. Was hältst du davon?

Lang: Generell finde ich das sinnvoll. Die Erfolgsaussichten sind allerdings gering, obwohl diese Listen wichtig sind. Der Stadtrat ist überaltert, genau wie die Parteien. Da können doch nicht nur über 40-Jährige drinsitzen. Ich glaube, wir haben in Trier nur ein Stadtratsmitglied unter 30 Jahren. Da belügen sich die Parteien auch selbst ein bisschen, wenn sie tönen: “Wir beteiligen Jugendliche im Jugendparlament.”! Die wirkliche Beteiligung findet aber dann nicht statt, weil die Parteien ihre Listen nicht verjüngen. Doch man muss sich im Klaren sein: ohne Nachwuchs sterben die Parteien aus.

Magst du uns gegen Ende des Interviews verraten, was das Jugendparlament bis zum Ende der Amtszeit noch vorhat?

Lang: Gerne. Am 28. Juni werden wir eine Open-Air-Veranstaltung im Exhaus ausrichten, bei der ein Film zu einer aktuellen gesellschaftlichen Problematik gezeigt wird. Genaueres möchte ich noch nicht verraten. Außerdem planen wir eine Aktionsreihe zur Bundestagswahl unter dem Titel “Vote for”. Bei Erstwählern soll dabei die Distanz zu Direktkandidaten und Parteien abgebaut werden. Es soll klar werden: man muss zur Wahl gehen, sonst verschenkt man seine Stimme. Außerdem werden wir noch eine Strukturdebatte führen, also beispielsweise zur Anzahl der Sitze oder zur Altersstruktur in unserem Parlament..

Gibt es Verbesserungsvorschläge, die du dem nächsten JuPa mit auf den Weg geben willst?

Lang: Die Werbung für die Wahl muss verstärkt werden. Dazu gehören kreative Ideen genauso wie Geld. Die Kandidaten sollten sich von Anfang an respektiert und angenommen fühlen, der Wahlkampf sollte personalisierter sein. Beispielweise könnte man jedem Kandidaten ein Kontingent an Flyern zur Verfügung stellen, bei dem er selbst entscheiden kann, womit er wirbt und wo er sie verteilt. Jeder sollte mit einer eigenen inhaltlichen Forderung werben dürfen, die auch wahrgenommen wird. Jeder, der sich bewirbt, will schließlich auch was bewegen. Jede Idee, die alleine darüber reinkommt, ist vermutlich schon ein Projekt wert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Lang: Ich bedanke mich ebenso.

Das Interview führte Katharina Krause

Einen Beitrag der „Piraten“ zum Thema Jugendparlament finden Sie unter „Kurz und Bündig“

1 KOMMENTAR

  1. Der Arme scheint etwas deprimiert zu sein. Vielleicht sollte es sich nicht gerade die CDU aussuchen, um als Jüngerer integriert zu werden. 😀

  2. wirklich großartiges interview! lokalo.de wird immer besser. neben den tollen basketball artikeln, kommen jetzt auch immer mehr tolle politische beiträge hinzu. weiter so!

  3. Gefällt mir, was der junge Mann sagt. Vor allem, was er zu Befugnissen bei der Integration von Migranten sagt. Wenn bei denen etwas bewirkt werden kann, dann nur in jugendlichem Alter. Dass er desillusioniert ist, hat sicher am meisten mit der Einflussnahme durch Angelika B. zu tun. Der Sinn des JuPa ist es sicher nicht, sie mit dem Gedankengut irgendeiner Partei zu beeinflussen. Dass das Dezernat von Frau B. (Jugend), die in ihrer bisherigen politischen Laufbahn in Trier noch nicht viel auf die Reihe bekommen hat, seine Aufgabe nicht darin sieht, den politischen Nachwuchs zu fördern, sondern Einfluss zu nehmen, passt mal wieder ins Bild. Wie mein Nickname schon sagt, bin ich kein (!!!!!!!) CDU-Wähler.

  4. Lang ist eine Person, die seine (bzw. die der CDU) Belange über die des Jupa stellt. Seine Aussagen, die er vorgab im Namen des Jupa abzugeben, waren häufig JU (junge Union) Meinungen.
    Was Jugendliche von ihm lernen können ist wie große Politik läuft, aber nicht was Demokratie ist!

    Das Jupa muss frei von jedem Einfluss von Parteien bleiben. Parteien dürfen nicht das Jupa als Sprachrohr nutzen.

    Für ein freies Jupa!!!!

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