Ess-Störungen: Viel mehr als pubertärer Schlankheitswahn

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TRIER. Ihr Vater kann ihr keinen Wunsch ausschlagen, ihre Mutter hat den Job aufgegeben, um voll für „ihre Lieben“ da zu sein. Ihr Ehrgeiz bringt ihr auf dem Gymnasium laufend Einser und Zweier ein. Freunde schätzen ihren trockenen Humor und bewundern ihr stets perfektes Aussehen. Trotzdem fühlt sich Alexandra ungeliebt und hässlich. Sie kämpft mit Pfunden, die gar nicht da sind, betäubt ihren Hunger mit Zigaretten und die Kreislaufschwächen mit Kaffee. Ihr Zahnarzt, der früher nie etwas auszusetzen hatte, musste bei ihrem letzten Besuch gleich an mehreren Stellen bohren.

Alexandra leidet an einer Essstörung – wie viele tausende Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland. „Etwa vier bis fünf Prozent der 15- bis 25-Jährigen leiden unter Magersucht oder Bulimie. Fünf Prozent von ihnen sind männlich“, weiß Dietmar Wagner von der DAK Trier. Die Sterberate unter den Betroffenen ist hoch: zehn bis 15 Prozent finden keinen Weg zurück in die Normalität, nur ein Drittel wird vollständig geheilt.

„Ess-Störungen haben nichts mit einem pubertären Schlankheitstick zu tun, der sich wieder verliert“, warnt Wagner. „Sie werden meist durch tiefere psychische Probleme und Entwicklungsstörungen ausgelöst und sind definitiv ernst zu nehmen.“ Eltern, Freunde oder Lehrer sollten bei einem Verdacht so früh wie möglich ihre Hilfe anbieten.

Um den Teufelskreis des Hungerns durchbrechen zu können, müssen Magersüchtige und Bulimiker allerdings selbst erkennen, dass sie krank sind. „Nur wer sich helfen lassen will, kann wieder gesund werden“, erklärt Wagner. „Darum nützt es auch nichts, Magersüchtige und Bulimie-Kranke unter Druck zu setzen, ihnen Vorwürfe zu machen oder sie sogar zum Essen zu zwingen. Auch auf ihren Körper sollte man sie nicht direkt ansprechen.“

Internetforen, Telefon-Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen geben nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch ihren Angehörigen Rat und wichtige Infos für die ersten Schritte zur Heilung, die dann allerdings mit professioneller Hilfe erfolgen sollte.

Die eigentliche Therapie zielt zunächst auf eine Gewichtszunahme ab, um körperliche Schäden der Mangelernährung einzugrenzen – nicht wenige Magersüchtige schweben in Lebensgefahr und müssen zunächst im Krankenhaus behandelt werden.

Im zweiten Schritt gilt es, zusammen mit Hausärzten und Psychotherapeuten die Ursachen der Krankheit zu erkennen. Was wollen Betroffene durch ihr Hungern erreichen? Welche Wege führen wirklich zu diesem Ziel? Ernährungsberater erklären außerdem, welche Nahrungsmittel gesund sind und in welchen Mengen der Körper sie benötigt.

Bei jungen Patienten wird oft auch die Familie in die Therapie einbezogen. Wagner: „Gerade Eltern fühlen sich oft hilflos oder schuldig. Sie können ihrem essgestörten Kind aber nur eine Stütze sein, wenn sie selbst gefestigt sind.“

Die DAK hilft bei der Wahl des passenden Therapeuten und übernimmt die Kosten für die ambulante oder stationäre Behandlung. „Damit es aber erst gar nicht so weit kommt, setzen wir auf die Prävention und klären beispielweise über richtige Ernährung oder die normalen Veränderungen des Körpers während der Pubertät auf“, so Wagner. „Jugendliche, die sich in ihrer Haut wohl fühlen und wissen, was ihnen gut tut, sind vor psychosomatisch bedingten Ess-Störungen geschützt.“

 

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