Struktureller Verrat statt Aufklärung in der katholischen Kirche

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    TRIER. Mit einer Pressekonferenz und einer Podiumsdiskussion begann am gestrigen Montag eine ganze Reihe von Protestveranstaltungen anlässlich der Frühjahrstagung der deutschen Bischofskonferenz (lokalo berichtete). Die Veranstalter fordern Aufklärung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche durch externe und unabhängige Stellen.

    Größer könnte der Kontrast nicht sein. Draußen feiern unbeschwerte Jugendliche mit einem Autokorso lautstark die bestandenen Abiturprüfungen. Drinnen rufen die Vertreter von acht Organisationen die Missbrauchsfälle in Erinnerung, die aus den Medien und damit aus dem öffentlichen Bewusstsein fast schon wieder verschwunden sind. Eine wesentliche Forderung des Bündnisses ist eine Untersuchung der Missbrauchsfälle durch eine Instanz außerhalb der Kirche. Erst im Januar diesen Jahres war eine Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen unter Leitung von Christian Pfeiffer gescheitert. Der Vertrag wurde von Kirchenseite gekündigt. Derzeit sucht die Kirche nach einem neuen Forschungsinstitut. Das Bündnis, das die Protestveranstaltungen in dieser Woche organisiert, zeigt sich skeptisch ob dieser Bemühungen. „Aufklärung innerhalb der Kirche wird nicht gelingen, ganz egal wie das Forschungsinstitut heißt“, sagt Hermann Schell von der Initiative Schafsbrief. Nur eine unabhängige staatliche Stelle könne effektiv Aufklärungsarbeit betreiben. Kritisch sieht dies Annegret Laakman von Wir sind Kirche. „Das Problem liegt in den Gesetzen. Sexueller Missbrauch ist nicht anzeigepflichtig, der Staat muss also nicht eingreifen.“ Und könne es oft auch nicht, aufgrund von Verjährungsfristen und anderen rechtlichen Beschränkungen. Besonders hart geht das Bündnis mit Bischof Ackermann in seiner Funktion als Missbrauchsbeauftragtem ins Gericht. Er habe keine Weisungsbefugnis und sei somit gescheitert. „Unter den Augen des Missbrauchsbeauftragten geht das Schweigen und Vertuschen weiter“, so Schell. Er belegt dies mit einem Fall, der erst im Januar diesen Jahres der Staatsanwalt Saarbrücken zur Prüfung vorgelegt worden sei. „Der betreffende Priester ist nach wie vor in der Seelsorge tätig.“ Zur Versachlichung der zum Teil sehr emotionalen Debatte veranstaltete das Aktionsbündnis am Abend auch eine Podiumsdiskussion mit unabhängigen Experten. Betitelt war die Veranstaltung mit „Struktureller Verrat? Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche“. Die Veranstalter sehen durch die Missbrauchsfälle einen zweifachen strukturellen Verrat gegeben. Zum einen an den Kindern und Jugendlichen, die missbraucht wurden, zum anderen durch die Art und Weise wie die Kirche mit den Fällen umgehe. Moderator Christian Ottersbach, Fernsehjournalist des SR, gibt zu: „Versachlichung ist äußerst schwer bei einem solchen Thema“. Das Publikum beweist dies mit seinen Reaktionen. Besonders gut kommt der Appell des Jesuitenpaters Christian Herwartz an: „Die Opfer wurden nicht gehört. Man konnte sich nicht vorstellen, dass ein Pfarrer so etwas tut, also hat man ihnen keinen Glauben geschenkt.“ Er fordert die Bischofskonferenz auf, endlich hinzuhören und die Konsequenzen daraus zu ziehen. Der Psychologe Prof. Rainer Banse sieht besondere Schwierigkeiten für die Aufklärung der Missbrauchsfälle. „Alle Organisationen reagieren zunächst einmal mit Abwehr auf solche Vorwürfe. Die Kirche ist aufgrund ihrer aristokratischen Struktur noch einmal ein besonderer Fall. Kleriker sind eine eingeschworene Gemeinschaft in einem System, das nach wie vor feudal geprägt ist.“ Dem Aufklärungswillen folgten in einer solchen Struktur häufig keine Taten.

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