Vom Regelbrecher zum Regelhüter: Schiedsrichter-Ausbildung in der JVA Wittlich

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WITTLICH. Bereits zum zweiten Mal haben Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wittlich eine Ausbildung zum Fußball-Schiedsrichter absolviert. Durch dieses Projekt soll ihnen nach ihrer Haftentlassung die Re-Integration in die Gesellschaft erleichtert werden.

“In Zukunft möchte ich meine Freizeit sinnvoll gestalten“, hat sich Alexander K. fest vorgenommen. Der 25-Jährige ist Häftling in der JVA Wittlich und einer von 13 Teilnehmern, die die Abschluss-Prüfung zum Schiedsrichter mit Erfolg bestanden haben. „Nach meiner Entlassung werde ich mich direkt in einem Fußballverein anmelden. Ich möchte neue Menschen kennenlernen, mir ein neues Umfeld aufbauen“, berichtet Alexander von seinen Plänen.

Die Ausbildung zum Fußball-Schiedsrichter ist für die Wittlicher Häftlinge eine echte Chance auf ein neues Leben. Oder wie Herbert Fandel es formuliert hat, „ein Seil, nach dem sie greifen sollten“. Der ehemalige Fifa-Schiedsrichter – heute Vorsitzender der DFB-Schiedsrichter-Kommission – ist Pate des Projekts.

Bei der Urkunden-Verleihung schwärmte Fandel von den Vorzügen der Schiedsrichterei: “Die Freundschaften, die dabei entstehen, sind nachhaltig. Schiedsrichter zu sein ist ein Stück Lebenseinstellung, bei der Werte wie Ehrlichkeit, Gradlinigkeit und Berechenbarkeit eine große Rolle spielen.“

Ein Spiel zu leiten, sei eine große Herausforderung, sagte auch Walter Desch, der Präsident des Fußballverbandes Rheinland. „Man hat meist nur Sekundenbruchteile Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Und dabei kann man weder alles richtig machen, noch kann man es allen Recht machen“, verriet Desch, der auch selbst den Schiedsrichter-Schein besitzt.

“Jeder von euch hat schon mal vor einem Richter gestanden – künftig seid ihr diejenigen, die richten müssen“, beschrieb Ralf Klimperle, Sportlehrer an der Jugendstrafanstalt Wittlich, den Perspektiv-Wechsel, den die Häftlinge durch die Schiedsrichter-Ausbildung erleben.

Und das sei nicht der einzige Nutzen, den die Häftlinge von dieser Ausbildung haben: “Bei diesem Projekt trauen sie sich an eine neue Aufgabe heran, und am Ende erhalten sie ein Zertifikat. Daran können sie erkennen, dass es sich lohnt, für etwas zu lernen und auf etwas hinzuarbeiten“, sagte Klimperle.

Michael B. (27) findet es toll, dass die JVA ihm und seinen Mitinsassen solch ein Angebot macht. Nach 2011 ist der diesjährige Lehrgang bereits der zweite dieser Art, der in der JVA stattfand: “Es ist eine wirklich gute Möglichkeit, seine Zeit hier sinnvoll zu nutzen – daher habe ich das einfach mal ausprobiert.“

Was es bedeutet, dann auch später als Schiedsrichter auf dem Fußballplatz zu stehen, das weiß Hanspeter H. (48) bereits. Er war vor seiner Haftzeit schon mal als Unparteiischer im Einsatz: “Das ist aber schon lange her. Bei dem Lehrgang konnte ich somit meine Kenntnisse auffrischen und möchte wieder mit dem Pfeifen beginnen, wenn ich im April entlassen werde.“ Dass er die Abschluss-Prüfung ohne Probleme bestand, erklärt sich von selbst.

Damit der Übergang nach der Haftentlassung für Hanspeter und die anderen Schiedsrichter-Anwärter erfolgreich gelingen kann, muss nun der Fußballverband Rheinland die Weichen stellen. Es gilt, die Schiedsrichter an Vereine zu vermitteln. “Wir haben bereits unter der Teilnehmern gefragt, ob es Verbindungen zu Vereinen gibt, und wohin sie nach ihrer Haft gehen werden“, sagte Ralf Klimperle. Es sei wichtig, “Anker zu legen – also die Schiedsrichter in die Sportfamilie zu integrieren – damit das Projekt nachhaltig wirken kann“.

Denn wenn vielleicht in zwei Jahren der nächste Lehrgang in der JVA Wittlich stattfindet, hofft Ralf Klimperle zu berichten, dass viele der heute ausgebildeten Häftlinge – dann in Freiheit – immer noch als Schiedsrichter im Einsatz sind.(cw)

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