Wende im Missbrauchsprozess

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TRIER. Vor der 1. Großen Jugendkammer des Landgerichts brachte der dritte Verhandlungstag ein Geständnis des Angeklagten. Von Angelika Koch

Für die drei Opfer des angeklagten Hermann Johannes S., einem gebürtigen Bitburger, war der dritte Verhandlungstag des Strafprozesses ein guter Tag, gerade weil sie nicht im Zeugenstand erscheinen mussten. Mit einem Geständnis, das auch die von den missbrauchten Stiefsöhnen des Angeklagten angegebene Häufigkeit der Taten – 48 Missbrauchsfälle stehen in der Klageschrift – sowie die Anwendung von Gewalt einräumte, machte Hermann Johannes S. den Weg frei für eine weitere Verhandlung, die ohne intensive gerichtliche Vernehmungen der Nebenkläger als Zeugen auskommt.

Einer der Stiefsöhne, Patrick W., hätte andernfalls nun aussagen müssen. Die Erleichterung darüber, dass er seinem Peiniger nun doch nicht erneut gegenüber stehen muss, war dem im Foyer wartenden Jugendlichen anzusehen. Auch die Taten gegen die Brüder des Jungen gestand S. ein. Allerdings ist damit noch nicht geklärt, ob nicht Vernehmungen anderer möglicher Opfer im weiteren Verfahrensverlauf notwendig werden. Denn bereits in den beiden vorigen Verhandlungstagen stellte sich heraus, dass S. möglicherweise bereits auch etliche Jahre zuvor andere Minderjährige missbraucht haben und seit langem eine ausgeprägte pädophile Neigung ausgelebt haben könnte. Mindestens vier weitere Vorfälle stehen im Raum, von denen einer bereits zu einem Verfahren geführt hatte, das letztlich wegen widersprüchlicher Aussagen des betroffenen Kindes niedergeschlagen wurde.

Für S. geht es nicht nur um das Strafmaß, sondern auch um die Frage, ob er nach verbüßter Haftstrafe in Sicherungsverwahrung genommen wird. Nach dem  bislang vorliegenden psychiatrischen Gutachten sind die Prognosen für die künftige Entwicklung des Täters nicht so gut, dass weitere Straftaten ausgeschlossen werden könnten. Eine einschlägige Therapie hat der geständige Täter nicht absolviert. Sein weiteres Verhalten im Prozess entscheidet nun darüber, ob auch anderen potenziellen Opfern die Aussage vor Gericht erspart wird oder in welchem Umfang sie zu Einzelheiten ihres Verhältnisses zu S. befragt werden. Im Prozess jedenfalls gibt sich S. bislang als Täter, der nur schrittweise und langsam das Ausmaß der seelischen Verletzungen begreift, die er bei den missbrauchten Kindern auslöste.

Am dritten Verhandlungstag allerdings räumte er ein, dass sich während der von ihm erzwungenen sexuellen Kontakte mit Patrick W. auch Schuldgefühle geregt hatten. Der Junge nämlich war bereits von einem anderen Täter missbraucht worden: „Ich habe gewusst, dass es falsch ist“, sagte S. vor Gericht. Auch gab er an, selbst vom eigenen Bruder während seiner Kindheit sexuell genötigt worden zu sein. Mit gleichaltrigen weiblichen Partnerinnen habe er kaum je intimen Kontakt gehabt. Bis das Urteil gesprochen und über die mögliche Sicherungsverwahrung entschieden wird, sind noch weitere Verhandlungstermine geplant. (ako)

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