Das Gemeinsame der Religionen suchen

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TRIER. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat die Religionen zu mehr Gemeinsamkeit aufgerufen. „Es ist unsere Pflicht, alle friedensstiftenden Potenziale unseres Glaubens ins Gespräch zu bringen und theologisch zu begründen“, sagte Schneider am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion in Trier. Kirchen und Religionen sollten das Gemeinsame suchen und das Trennende respektieren, sagte er und verwies auf aktuelle Beispiele religiöser Gewalt und die lange Geschichte von Gewalt unter den christlichen Konfessionen.

Zum Islam sagte der rheinische Präses, er sei froh, dass sich Muslime in Deutschland von der Gewalt, die oft mit dem Islam in Verbindung gebracht werde, distanzierten. Schneider lobte den begonnenen islamischen Religionsunterricht sowie die Ausbildung von muslimischen Religionslehrern in Deutschland. Wenn Imame aus der Türkei kämen, die kein Deutsch sprächen, sei das auch ein Problem für „die zweite und dritte Generation von Muslimen, die hier leben“.

Der katholische Bischof von Trier, Stephan Ackermann, sagte dagegen, es reiche nicht, nur auf die Gemeinsamkeiten der Religionen zu schauen. „Spiritualität ist derzeit interessant und hat ihr Recht, aber die intellektuelle Auseinandersetzung mit Glaubensthemen darf nicht zu kurz kommen“, betonte Ackermann. Er vermisse oft die Bereitschaft, sind tiefgehend mit Fragen der Religion auseinanderzusetzen. Damit täten sich die Religionen auch keinen Gefallen.

Der Bischof warb dafür, die Gottesfrage in der säkularen Gesellschaft explizit zu stellen. „Wir als Christen haben oft die Sprache auf religiösem Themengebiet verlorenen.“ Mitglieder des Islam seien viel sprachfähiger als Christen. Das sei eine Herausforderung, die an die etablierten christlichen Religionen hierzulande herangetragen werde. „Und die gilt es anzunehmen“, erklärte Stephan Ackermann.

Professor Ali Dere von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. sagte, der religiöse Pluralismus sei für die Muslime hierzulande eine besondere Herausforderung. „Aber das ist zu machen“, erklärte er. Der Professor warb dafür, die eigene Religion anhand moderner geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse zu reflektieren. Zur Wahrnehmung von Pluralität gehöre es auch wahrzunehmen, dass es auch innerhalb einer Religion unterschiedliche Theologien gebe. Dere: „Wir sollten uns nicht nur auf die jeweils eigene Position zurückziehen.“

Ferah Aksoy-Burkert von der Baha’i-Gemeinschaft sah eine gemeinsame Herausforderung der Religionen, überhaupt Wege zur Religion zu eröffnen. Religiöse Riten und Rituale wie das Gebet würden hierzulande oft gar nicht verstanden oder sorgten für Irritationen. „Der beste Weg ist es, die Menschen hinter den Religionen kennen lernen, das macht die Religion insgesamt menschlicher“, sagte Aksoy-Burkert.

Der Kirchenhistoriker von der Universität Trier, Prof. Dr. Andreas Mühling, empfahl: „Lasst uns gemeinsam unsere Gottesbilder bedenken.“ Auf dieser Grundlage ließe sich schauen, wie anstehende gesellschaftliche Probleme zu lösen seien. „Wir sollten gemeinsam in die Zukunft schauen“, so Mühling weiter.

Die Evangelische Studierendengemeinde Trier und das Ökumenische Institut für den interreligiösen Dialog an der Universität Trier hatten im Rahmen des „Dialog an Buß- und Bettag“ zu der Podiumsdiskussion eingeladen. Die Runde wurde moderiert vom Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Trier, Christoph Pistorius. Das Thema lautete „Die Gottesfrage in der säkularen Gesellschaft“. Welche Bedeutung haben die Religionen für unsere moderne Gesellschaft? Führt die Frage nach Gott innerhalb der Religionen zu einer unterschiedlichen Sicht auf Staat und Gesellschaft? Wo genau liegen die Grenzen religiöser Praktiken und Riten – für die säkulare Gesellschaft ebenso wie für die Religionen? Welche Anforderungen stellt die Gesellschaft an Religionsgemeinschaften? Welche Visionen eines friedlichen interkulturellen Zusammenlebens innerhalb unserer Gesellschaft können von den Religionen ausgehen? (red)

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