Perspektiven im Strafraum – Fußballerin im Knast

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WITTLICH. Dem Fußball wird nachgesagt, dass er als Freizeitbeschäftigung maßgeblich dazu beitragen kann, Jugendliche von dummen Gedanken abzuhalten. Davon überzeugt ist auch die Damen-Fußballnationalspielerin Célia Okoyino da Mbabi, die im Rahmen des Resozialisierungsprojekts „Anstoß für ein neues Leben“ die Jugendstrafanstalt Wittlich besucht hat. Dort ist sie auf eine Fußballmannschaft gestoßen, die sich mit Hilfe des runden Leders auf das Leben nach dem Knast vorbereitet. Ein Bericht von Henning Eiden

Wirklich schön ist es nie. Doch richtig unerträglich wird es erst abends. Dann nämlich liegt Dennis Gröner (Name von der Redaktion geändert) allein in seinem Zimmer. Um 21 Uhr schließt die Tür, spätestens um 23 Uhr ist der Fernseher aus. Dann ist Feierabend. Alles, was sich danach abspielt, läuft nur in seinem Kopf. „Ich mache mir viele Gedanken über das, was ich falsch gemacht habe“, sagt der 20-Jährige. Und Dennis Gröner muss einiges falsch gemacht haben, sonst wäre er heute sicherlich woanders – und nicht in der Wittlicher Jugendstrafanstalt (JSA).

Célia Okoyino da Mbabi hingegen hat, wie es scheint, alles richtig gemacht. Die 24-Jährige spielt seit ihrem fünften Lebensjahr Fußball. Und ist damit ziemlich erfolgreich. Sie ist Spielerin der Damen-Fußballnationalmannschaft, hat 2004 mit der U19-Auswahl den WM-Titel geholt, 2008 Bronze bei Olympia erspielt und ist darüber hinaus zur besten Fußballerin des Jahres 2012 gewählt worden.

Dass sich beide Lebensläufe ausgerechnet im Wittlicher Jugendknast kreuzen, hat einen guten Grund. Denn Célia Okoyino da Mbabi ist ist Botschafterin des Projekts „Anstoß für ein neues Laben“, einer Initiative der Sepp-Herberger-Stiftung zur Resozialisierung jugendlicher Strafgefangener. Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit, den Justizministerien der teilnehmenden Bundesländer sowie den regionalen Fußballverbänden setzen sich prominente Sportler wie Oliver Kahn, Lukas Podolski oder eben Célia Okoyino da Mbabi dafür ein, jugendlichen Straftätern eine Perspektive zu bieten. Ein Bestandteil des Projekts ist dabei die gezielte Vorbereitung auf das Berufsleben nach dem Knast. Eine weitere Säule ist die Vermittlung sozialer Kompetenzen. Und der dritte Baustein ist der Grund, warum die Nationalspielerin an diesem Vormittag in der Turnhalle der JSA ist. Denn der dritte Baustein ist rund. Und muss beim Gegner ins Tor.

14 Jugendstrafanstalten aus fünf Bundesländern beteiligen sich derzeit an dem Projekt – die JSA Wittlich ist eine davon. „Ich freue mich und bin total gespannt, was der Trainer aus euch gemacht hat“, sagt Célia Okoyino da Mbabi, die zunächst jedoch einige Fragen beantworten muss. Zum Beispiel, wie sie zum Fußball kam? („Ich habe meinem Bruder immer den Ball weggenomme.n“), wie sie sich als Spielerin des Jahres fühlt („Genauso wie vorher.“), welche Erfahrungen sie mit Rassismus im Fußball gemacht hat („Bislang Gott sei Dank noch keine.“) und wie die Verdienstmöglichkeiten als Profi-Fußballerin sind („Durchwachsen, aber in der aktiven Phase kann man durchaus davon leben.“).

Soweit, dass sie davon leben können, sind Dennis Gröner und seine acht Teamkollegen noch nicht. Doch dass sie mit Fußball irgendwann das große Geld verdienen werden, glauben die jungen Männer ohnehin nicht. Ihre Vorstellungen von dem Leben nach dem Knast sind weitaus realistischer. Kevin Beckmann (Name von der Redaktion geändert) möchte nach seiner Haftstrafe eine Ausbildung zum Maler und Lackierer machen. Und auch Dennis Gröner hat schon einige Bewerbungen geschrieben.

Martin Oeffling ist auch im Knast. Allerdings nicht als Insasse, sondern als Vollzugsbeamter. Und als Trainer der Jungs. Er ist aktives Mitglied des FSV Salmrohr und betreut damit also auch Spieler auf der anderen Seite der Gefängnismauer. Und so hoch diese Mauer ist, so groß sind auch die Unterschiede. „Die meisten der Jungs hier haben vorher nie in ihrem Leben Fußball gespielt“, erklärt der Trainer. Deshalb müsse man mit manchen Spielern ganz von vorne anfangen. „Am Anfang treten viele einfach nur auf den Ball, und dann weit weg damit“, sagt Oeffling, doch gebe es auch einige Spieler, die sich inzwischen so verbessert hätten, dass sie im Anschluss an den Knastaufenthalt durchaus in einem Verein unterkommen könnten.

Die Spieler tragen rote Trikots, Martin Oeffling einen Trainingsanzug. Der Trainer sieht damit aus wie jeder andere Trainer, und trotzdem ist diese Kleidung etwas Besonderes. Durch die Uniformen der Vollzugsbeamten gebe es zwangsläufig immer eine gewisse Distanz zu den Gefangenen, erklärt Oeffling, während der Trainingsanzug diese Distanz wieder ein Stück weit aufhebe. Der Fußball unterliegt schließlich anderen Regeln als der Knastalltag. Das gilt auch für den Strafraum. (he)

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