Die TBB-Kolumne

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    Oskar Faßler mag es schon vorher geahnt haben. Während der Teampräsentation sprang der Blondschopf mit einem Riesensatz über die Werbebande, sauste dorthin, wohin selbst der Kaiser zu Fuß geht. Eineinhalb Stunden später dürfte er sich gedacht haben: Ach, wäre ich doch nur auf dem stillen Örtchen geblieben.

    Wer mal Leistungssport betrieben hat, weiß es nur zu gut: Hältst du die Spannung nicht hoch, lullt dich diese sanfte Lethargie wohlig ein. Alles läuft, alles plätschert, alles fließt. Das ist wie ein ruhiger, majestätischer Strom, der gemächlich seine Bahn bis zur mündenden Erfüllung zieht. Wird schon werden, wird schon werden… Schläfrigkeit umfängt dich, das Großhirn signalisiert den Gelenken: Lass gut sein, wird schon werden, wird schon werden…

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    Urplötzlich tut es einen Riesenschlag, der Traum ist aus, der Fall tief, der Aufprall hart. Ehe du dich versiehst, hängt dir der Gegner im Nacken, beißt sich an dir fest, zerrt und will nicht mehr loslassen. Du aber suchst den Schalter, der verklemmt ist. Er lässt sich nicht umlegen, ums Verrecken nicht. Der Schrei nach Hilfe kommt zu spät, du bist allein, ganz allein.

    Das ist die große Gefahr, wenn man zu überlegen ist, wenn man den Gegner nicht nur dominiert, sondern geradezu mit jeder Faser beherrscht – wie die TBB am frühen Sonntagabend die 46er aus Gießen, die nur noch ein Schatten vergangener, großer Tage waren. Man könnte den Gegner demütigen, man könnte ihn zerstören – wie im Boxen eben: to destroy a man’s mind. Man tut es nicht, weil es Kollegen sind. Und von einer Sekunde auf die nächste dreht sich das Blatt. Nun ist der Jäger der Gejagte, hechelt hinterher, stolpert, fällt und wird in den Staub gestampft.

    Nur gut, dass es im Basketball eine Auszeit gibt. Henrik Rödl mag gemerkt haben, dass seine Männer eingangs der zweiten Halbzeit im mentalen Tief steckten. Die Hessen robbten sich heran, weil Trier seine Fehlerquote von einer Aktion zu nächsten steigerte. Zeit für den Trainer, Zeit für die Henrik-Time. Was seine Männer brauchten, war ein verbaler Tritt in den Allerwertesten. Da darf es dann auf der Bank auch mal etwas lauter werden. Es ist wie beim Wecker – ist er zu leise, schnarcht man weiter.

    Wachrütteln musste er sie. Sagen, dass Gießen noch nicht tot ist, dass der Geist der Hessen noch lebt. Den mussten sie brechen. Der Rest würde dann ein Kinderspiel sein. Bis dahin war für die 46er alles viel zu schnell gegangen. Körperlich. Gedanklich. Ehe sich der alte Mann Elvir Ovcina auch nur halb drehen konnten, hatte ihn Andreas Seiferth oder auch Vitalis Chikoko schon längst abgekocht.

    Triers Arme und Beinen waren schlicht zu fix für die Hessen. Es wirbelte so, dass die Funken stoben. Gefangen waren sie in den grün-weißen Windmühlenflügeln, die 46er. Triers Gedanken rasten zu hurtig für die Gießener. Ehe sie sich versahen, war die Szene schon abgespult. Wo der Gegner quasi in Zeitlupe über das Parkett in der Arena schlich, sausten Rödls Männer im Zeitraffer durch die knapp eineinhalb Stunden. Hin und wieder von der eigenen Überlegenheit berauscht, hier und da unkonzentriert und nicht zielstrebig genug.

    Als es nötig war, weckte ihr Trainer sie. Aber auch ein gutes Pferd springt immer nur so hoch, wie es muss, und ein guter Boxer landet den einen, den entscheidenden Schlag. Mehr muss nicht sein, auch wenn das stets verzückte Publikum sich vielleicht etwas mehr Spektakel gewünscht hätte. Rödl fand wie so oft die richtige Balance zwischen Forderung und Schonung. Die Saison ist noch lang, hart und zehrend. Platz sechs in der Tabelle ist zunächst einmal eine Zwischenstation. Das große Ziel aber heißt: Teilnahme an den Play Offs. Das dürfte mit dieser Mannschaft allemal möglich sein.

    ZUM ARTIKEL von Christoph Witt

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