Die TBB-Kolume

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    Erhöhtes Herzinfarkt-Risiko und allergrößte Schlaganfall-Gefahr in der Arena Trier: Blutdruck 250 zu 150, Puls wie beim Aufstieg nach L’Alp d’Huez nahe an der Schallgrenze, literweise Adrenalin und pure Emotionen. TBB Trier gegen Alba Berlin – das Duell hatte alles zu bieten, was großer Sport bieten kann.

    Mein lieber Jarrett Howell, was hast Du Dir bloß dabei gedacht? Du hattest den Ball, Deine TBB führte mit fünf Punkten Vorsprung – 18 Sekunden vor der finalen Sirene. Die rote Kugel gehörte Dir, schmiegte sich in Deinen Händen. Sie liebte Dich, sie wollte Dir sagen: drück‘ mich, wirf mich, quetsche mich, aber gibt mich nicht her. Gib mich einem Deiner Mitspieler, bring mich ins Spiel, gleich, gleich, gleich ist es geschafft, gleich haben wir die Sensation, gleich sind die Albatrosse gerupft, gleich dürft Ihr den ersten Sieg über Berlin seit acht Jahren feiern – gleich, gleich, gleich darfst Du mich ins Publikum schleudern, das Dir zujubeln wird, das dich lieben wird, Dich und alle anderen…

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    Mein lieber Jarrett Howell, Du hättest auf die Kugel hören sollen. Es war so einfach. Ans Knie, an den Arm, an den Fuß eines Berliners – alles hättest Du machen können, ja, dürfen. Nur eben das nicht, nur nicht festhalten über diese ominösen fünf Sekunden hinaus. Der Schiri stand neben Dir, beäugte Dich argwöhnisch. Sicher, Du kannst jetzt sagen, es waren höchstens drei Sekunden. Aber was hilft das jetzt noch, jetzt, da das Spiel verloren ist. Du hättest wissen müssen, dass die drei Männer in den orangen Trikots nach den harten Strafen für Berlin in der zweiten Halbzeit ein wenig mehr auf dem Alba-Auge blind sein würden. Das ist normal. Das zeigte sich schon bei den Foulentscheidungen nach dem Seitenwechsel.

    Mein lieber Jarrett Howell, Du hättest Dich nahezu unsterblich machen können im kollektiven Gedächtnis der hiesigen Basketball-Fans. Du hättest aufrücken können in den Olymp neben einen Carl Brown, hättest Du diese blöde Kugel nur irgendwohin gespielt. Denn ein Sieg über Berlin, das ist für die Trierer wie ein Sieg der Schalker über Dortmund, wie einer der 60er gegen die Bayern, wie jener der Katalanen vom FC Barcelona über Real, wie einer der Grün-Weißen von Celtic gegen die Rangers. Das ist wie Weihnachten, Ostern, Geburtstag und Hochzeit am selben Tag, das ist wie ein kollektiver Orgasmus des Trierer Basketball-Volkes. Berlin schlagen und dann sterben – mit einem Lächeln auf den Lippen. So oder so ähnlich…

    Mein lieber Jarrett Howell, tröste Dich. Ein solches Missgeschick ist schon ganz anderen Spielern widerfahren. Von daher, Schwamm drüber, oder wie man im Mundball, pardon, Fußball sagen würde: Mund abputzen und weiter geht’s. Und beim nächsten Mal machst Du aus dem Konjunktiv einfach den Indikativ. Du spielst die Kugel, mein lieber Jarrett Howell, und alles ist gut.

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    Mein lieber Sasa Obradović, was hatten Sie ein Glück. Sie sollten Lotto spielen – sechs Richtige sind Ihnen garantiert. Erst latschen Sie mit Ihren feinen braunen Lederschuhen meilenweit im und nahezu stundenlang auf dem Parkett herum. Dann gebärden Sie sich, als habe Ihnen eine Horde wild gewordener Wespen unter dem eleganten Zwirn in den Allerwertesten gestochen, schließlich stehen Sie im Kabinengang und coachen weiter, als sei nichts passiert.

    Mein lieber Sasa Obradović, in der Basketball-Szene weiß ja jeder, dass dies zu Ihrer Show gehört. Die einen nennen Sie daher „Kult“, die anderen würden Sie am liebsten aus allen Hallen verbannen. Und dann klauen Sie Trier auch noch den Sieg, der Ihnen nicht beschieden war, den Sie auch nicht verdient hatten, der Ihnen sogar geschenkt wurde. Schämen Sie sich denn überhaupt nicht?

    Nein, wohl kaum. Das müssen Sie auch nicht, mein lieber Sasa Obradović. Das alles gehört zum Sport. Schließlich kommt man nicht umhin, Ihnen und Ihren Männern auch Respekt zu zollen. Die Arena war ein Hexenkessel, Trier die bessere Mannschaft – und doch haben Sie sich den Sieg geholt, wenn auch nach Verlängerung. So etwas nennt man dann wohl Kaltschnäuzigkeit, Cleverness, Abgezocktheit. Sie haben gelächelt, als Sie aus der Halle gingen. Das ist die eleganteste Art, dem Gegner die Zähne zu zeigen. Das haben Sie getan – und wie! Sie haben allen die Zähne gezeigt, und ganz am Ende, als keiner mehr daran glaubte, als alle sich sicher waren, jetzt habe man Ihnen die Beißerchen endgültig gezogen, da haben Sie zugebissen – und nicht mehr losgelassen.

    Mein lieber Sasa Obradović, kommen Sie wieder. Nur seien Sie versichert: Beim nächsten Mal bleiben die Zähne hier – als Trophäe. Als Sieges-Trophäe!

    ZUM ARTIKEL von Christoph Witt

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