Eifel-Literatur-Festival: Kämpferin für das freie Wort

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PRÜM. Ein wenig Wehmut lag über dem Abend, denn es war unwiderruflich die letzte Lesung im diesjährigen Zyklus, dem zehnten insgesamt. Mit einer der wichtigsten poetischen Stimmen in der deutschen Gegenwartsliteratur und ausgezeichnet mit einem Nobelpreis für Literatur, war es Herta Müller vorbehalten, das Eifel-Literatur-Festival 2012 dort zu beenden, wo es vor 18 Jahren begonnen hatte – in der Abteistadt Prüm. 700 Besucher füllten am Samstagabend eine Schulaula und lauschten einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. Von Rudolf Höser

Der große, breitschultrige Mann und die kleine, schmale, ja, zierlich wirkende, in vornehmes Schwarz gekleidete Frau, tauchten aus dem Halbdunkel neben der Bühne auf. Der Applaus im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal brandete auf. Ohne dass bisher ein einziges Wort gefallen war, spürten alle eine Aura, die einfach da gewesen ist. Dr. Josef Zierden, Organisator des Eifel-Literatur-Festivals, begleitete die Autorin Herta Müller zu ihrem Platz in der ersten Reihe. Einem gebührenden Platz. Daneben war es die aufmerksame Stille, womit die Zuhörer den Respekt vor Leben und Werk der Schriftstellerin passend zum Ausdruck brachten.

Bürgermeister Aloysius Söhngen begrüßte die Autorin herzlich, verteilte mit Rückblick auf die zehnte Serie artig Komplimente an Schriftstellerkollegen, Organisatoren, ehrenamtliche Helfer und Geldgeber. So auch der Vertreter des Landes Rheinland-Pfalz, Staatssekretär Walter Schumacher.

Dr. Josef Zierden selbst leitete über zum Eigentlichen. Er ließ den 8. Oktober 2009 Revue passieren. Jenen Tag, an dem Herta Müller der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde. „Es war ein Donnerstag. Ich weiß es noch ganz genau, wie ich überhaupt noch alle Details dieses sensationellen Tages in Erinnerung habe“, konstatierte Zierden. Der Roman „Atemschaukel“ kröne das bisherige Gesamtwerk von Herta Müller, so Zierden weiter. Die Zuhörer waren so gespannt, dass Zierden an dieser Stelle zur Kunstpause ansetzte – „zur Durchführung einer gewissen manuellen Bewegung“ – und so zum Applaus aufforderte.

Ernest Wichner, Weggefährte von Herta Müller seit rumänischen Tagen und heute Leiter des Literaturhauses Berlin, moderierte Lesung und Gespräch. Ihm gelang es mit geschickten und charmanten Worten, zu den sensiblen Positionen in Leben und Werk von Herta Müller hinzuführen.

1953 geboren als Banater Schwäbin, gehörte sie zur deutschen Minderheit in Rumänien. Enteignung durch das kommunistische Regime in Rumänen zwei Generationen zuvor, eine zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportierte Mutter, ein alkoholabhängiger Vater, der als Soldat der Waffen-SS betrunken Nazilieder sang und sie selbst nach Abitur und Studium als Übersetzerin in einer rumänischen Maschinenfabrik: Prägungen eines Lebens. Eines Daseins, das sie zur Kämpferin für das freie Wort werden ließ. Unterdrückung, Verfolgung und Gewalt und die all gegenwärtige Bespitzelung sollten sie gefügig machen. Doch sie weigerte sich, als Spitzel des rumänischen Geheimdienstes Securitate tätig zu werden.

„Mit dem Schreiben habe ich begonnen, als es unter Ceausescu zu gefährlich wurde, Gespräche über die Lage zu führen. Da habe ich auf die Angst vor dem Tod mit einem Durst nach Leben reagiert“, erinnerte sich Müller und ergänzte: „Ich wollte keine Schriftstellerin sein, ich wollte nur leben, einen inneren Halt. Dann ist es Literatur geworden“, schmunzelte sie und erntete anerkennenden Beifall.

1987 wanderte sie aus Rumänien aus. In den 1990er Jahren schrieb sie unter anderem „Herztier“, hieraus las sie vor. Die schmale Brille saß auf der Nase jener Autorin, die Angst, Schweiß auf der Stirn und feuchte Hände in unmöglichen Situationen gerochen hatte. Sie las mit einer aussagekräftigen Stimme und Betonung, passend zum Inhalt.

Jahre später legte sie die Grundlage für ihren Erfolgsroman „Atemschaukel“. Die Gespräche mit Oskar Pastior über dessen Deportation wurden zur Basis. „Die Erzählungen erinnerten mich aber auch an Begebenheiten aus meiner Jugend. Pastior starb und sie schrieb weiter. Im Gespräch mit Moderator Ernest Wichner fielen bemerkenswerte Sätze und Wortfetzen, die einfach nur wirkten: „…der Einsatz von Kälte und Hitze als Tötungsmaschine gegen die Häftlinge“,“…Scham und Dusel kann man sich da nicht leisten. Je kleiner die Scheu vor den Toten, umso mehr hängt man am Leben“. Während Herta Müller aus der „Atemschaukel“ las und die gespenstischen Szenarien hautnah erlebbar wurden, herrschte angespannte Stille im Publikum.

Heiter wurde es erst wieder, als Herta Müller aus ihrem neusten Werk las. „Vater telefoniert mit den Fliegen“ sind Collagen, zusammengestellt aus Wortfetzen von Zeitungen und Zeitschriften. Aneinandergereiht ergeben sie tiefgründige Aussagen und Ansichten. Am Ende anhaltender Applaus für eine Schriftstellerin von Weltgeltung. Sie hatte es geschafft, dem Eifel-Literatur-Festival 2012 einen glanzvollen Abschluss zu verleihen. (rh)

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