Kanzler wollte er werden…

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    Es ist nur eine Anekdote, deren Wahrheitsgehalt heute wohl kaum noch jemand bestätigen kann. Und doch zeigt gerade diese Anekdote über den Traum eines Schülers, wie sehr Christoph Böhr in selbstherrlicher Arroganz von seinem Weg überzeugt war. Als der gebürtige Mayener noch Schüler des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums war, soll er bereits verkündet haben: „Ich werde mal Bundeskanzler!“

    Böhr baute sein Abitur 1972 am FWG. Die Anekdote über den Traum des Pennälers Böhr hielt sich in der Schülerschaft der humanistischen Lehranstalt allerdings hartnäckig – über Jahre hinweg. Fiel der Name Böhr, fiel auch immer der Satz: „Ja, der wird mal Bundeskanzler – hat er selbst gesagt.“ Das war Böhrs eigener Anspruch – mit weniger wollte sich der hochintelligente und über die Maßen von sich überzeugte Wahl-Trierer nicht zufrieden geben.

    Daraus wurde bekanntlich nichts, obwohl Böhr als einer der Kronprinzen der CDU unter Helmut Kohl galt. Der Oggersheimer förderte die Ambitionen seines Ziehsohnes aus Rheinland-Pfalz. Ohne es zu merken, wurde Böhr so Teil jener Politiker-Kaste, die den Staat als ihr Eigentum betrachtet. Der Kanzler a.D. aus der Pfalz lebt nach wie vor im Zustand des Rechtsbruches. Bis heute verschweigt Kohl die Namen jener Geldgeber, die der Union hohe Summen als Spenden zukommen ließen. Kohl gab „sein Ehrenwort“ – und das gilt bei Vertretern jener Politiker-Generation mehr als Recht und Gesetz.

    Zugegeben: Das ist kein Phänomen, auf das die CDU ein Monopol hat. Das Prinzip der Paten-Politik zieht sich quer durch die Parteien. Manus manum lavat – eine Hand wäscht die andere. Wer sie sich dabei schmutzig macht, spielt keine Rolle. Der Machterhalt und die eigene Profilierungssucht rechtfertigen jedes Mittel. Als Diener der Bürgerinnen und Bürger versteht sich dabei kaum jemand.

    Perfektioniert hatte die Union das Prinzip allerdings dort, wo sie über Jahrzehnte hinweg allein und praktisch unbehelligt schalten und walten konnte. Wie in Trier. Wie unter Böhr. So unterhielt der heute 58-Jährige beste Beziehungen zur ehemaligen Chefredaktion des Trierischen Volksfreunds – ebenso wie zur früheren Verlagsleitung. Eine Kontrolle durch das Monopolblatt fand praktisch nicht statt. Man speiste zusammen in Nobelrestaurants, man kannte und verstand sich.

    Auch hier regierte das Prinzip „manus manum lavat“. Hans-Joachim Doerfert, der ehemalige Caritas-Manager und Präsident von Eintracht Trier, kann davon ein wohlklingendes Lied singen. Auch er gehörte diesem Zirkel an – wie so viele andere im System „Böhr“. Doerfert wurde vom Heimatblatt erst fallengelassen, als die Interessen kollidierten. Bis dahin war er für Redakteure und Verlags-Granden die „Lichtgestalt“ – auch dank eines Christoph Böhr.

    In Trier funktionierte das, weil kaum einer in die Provinz schaute. Der Fokus lag anderswo. Das Heimatblatt als einzige Print-Publikation weit und breit stellte für das System „Böhr“ keine Gefahr dar. Eine Kontrolle der Macht und der Mächtigen durch Journalisten fand an der Mosel nicht statt. Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen, Online-Portale gab es nicht.

    Böhr aber machte den Fehler, seine Trierer Erfahrungen eins zu eins auf die Mainzer Landespolitik zu übertragen. Warum sollte am Rhein nicht funktionieren, was in Trier über Jahre hinweg funktioniert hatte? So wird Böhr gedacht haben. Hinzu kamen Selbstüberschätzung und der Glaube, man könne das Gesetz austricksen, sofern man nur die richtigen Beziehungen besitzt. Kohl hatte es vorgemacht, und Böhr war dessen eifriger Schüler.

    Geht etwas schief, wird man die Kuh schon irgendwie vom Eis bekommen – wie in Trier immer geschehen. Manus manum lavat. Dafür hat man ja schließlich seine Beziehungen – oder wie man heute sagt: seine Netzwerke. Davon war Böhr überzeugt. Ein Unrechtsbewusstsein ist ihm wahrscheinlich bis heute fremd. Schließlich hat er sich nicht persönlich bereichert, hat kein Geld auf dunklen Konten gebunkert. Dass er dennoch angeklagt wird, dürfte ihm wie ein schlechter Traum vorkommen. Bundeskanzler wollte er werden. Jetzt findet er sich womöglich bald auf der Anklagebank wieder.

    Manchmal steht er in einer Buchhandlung am Kornmarkt im schwarzen Mantel und offenem Hemd – und schaut sich philosophische Schriften an. Der Schritt ist schleppend, der Rücken gebeugt. Böhr wird wissen, dass er zum Opfer seines eigenen Systems geworden ist. Er ist zu intelligent, um das nicht zu wissen.

    Bundeskanzler wird er nicht mehr werden. Aber er kann dem Land dennoch etwas Gutes tun. Indem er seine Fehler und Verfehlungen uneingeschränkt und offen einräumt. Indem er sich dazu bekennt. Indem er sich schuldig bekennt. Indem er jetzt eben nicht juristische Winkelzüge anwendet, laviert und den Versuch unternimmt, sich herauszureden. Als Warnung an und Mahnung für seine Nachfolger. Ehrlichkeit, Geradlinigkeit und Offenheit – und die Bereitschaft, die Strafe anzunehmen.

    Damit könnte Christoph Böhr der Politik ein Stück jener Glaubwürdigkeit zurückgeben, die auch er ihr durch seine Fehler genommen hat. Dann könnte man vor ihm sogar den Hut ziehen – auch wenn er nicht Bundeskanzler ist. Schließlich braucht man kein Amt, um Ehre zu besitzen.

    ZUM ARTIKEL

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    1 KOMMENTAR

    1. Es ist allemal besser, zur Redaktion des Trierischen Volksfreundes gute Beziehungen zu haben als Gerhard Schroeder zu seinem lupenreinen demokratischen Freund und Gönner Putin.

    2. Sehr gut!
      Nun stellt sich allerdings die Frage, hat sich etwas verändert oder wurden lediglich die Protagonisten ausgetauscht? Das Heimatblatt ist bis heute kein Korrektiv und von einer kritischen Berichterstattung Lichtjahre entfernt.

    3. Ein hervorragender Kommentar, der genau die Trierer Problematik der letzten Jahrzehnte widerspiegelt. So vieles ist in unserer Stadt schiefgelaufen, weil bei allem die Kontrolle gefehlt hat und alle machen konnten, was sie wollten.

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