Wochenchronik: Vorsicht, spitze Feder!

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    TRIER. Sie kennen das „Trier-Phänomen“? Nein? Na ja, dann bitte… Sie kennen das Trierer Theater? Ja? Gut, dann bitte… Sie kennen das Friedrich-Spee-Gymnasium? Nein? Na ja, dann bitte… Sie kennen Christophstraße, Theodor-Heuss-Allee und Bahnhof? Ja? Gut, dann bitte… Auf geht’s in die Wochenchronik zu den Herbstferien.

    Manchmal macht es wirklich keinen Spaß, bestätigt zu werden. Grundsätzlich halten wir es ja mit den Kollegen vom Spiegel: Werden wir zu viel gelobt, machen wir journalistisch etwas falsch. Für unsere Analysen, Kommentare und Artikel vor und noch früh in der Saison zu Eintracht Trier haben wir mächtig Hiebe einstecken müssen. Gut so, das gehört zum Geschäft.

    Jetzt ist der Klub – wieder einmal – am Boden. Und wir wurden durch die Entwicklung bestätigt. Nein, das macht wirklich keinen Spaß. Weil Eintracht Trier zu dieser Stadt gehört wie Porta, Dom oder Kaiserthermen. Weil die Stadt einen starken Fußballverein braucht – für die Jugend, für die Menschen, für ihr Renommee.

    Abgewirtschaftet wurde der Verein in den letzten Jahren durch eine Mischung aus Borniertheit, Ignoranz und Arroganz – letztlich auch durch Dummheit. Abgewirtschaftet wurde er vom großen und (ge)wichtigen Vorstandssprecher Ernst Wilhelmi und dessen Entourage. Roman Gottschalk und Harry Thiele sind nur Beiwerk. Wir wollen an dieser Stelle nicht erneut auf die Bilanz der letzten Jahre eingehen. Das wurde ausführlich behandelt. Es ist eine Chronologie des Schreckens.

    Eintracht Trier wurde aber auch zum Opfer eines Zustandes, den wir als „Trier-Phänomen“ bezeichnen wollen. Vor gut zwei Jahren kehrte der Autor nach einem inzwischen doch schon langen Journalisten-Leben mit Stationen in der Pfalz, in Baden, in Schwaben und in Hessen aus privaten Gründen in seine Heimatstadt zurück. Zwei Jahre reichten, um festzustellen, dass die hiesigen Seilschaften (moderner Euphemismus: Netzwerke) wohl einmalig in der Republik sind. Davon kann der „Kölsche Klüngel“ noch lernen.

    Da gerieren sich Redakteure des Heimatblattes Jahr für Jahr so, als seien sie „Mister Fasenacht“ persönlich. Da ist ein ehemaliger Redakteur des Blattes mal so eben nebenbei Funktionär beim Handball-Verband, schreibt aber gleichzeitig über „Miezen“ und Großereignisse in diesem Sport für die angeblich unabhängige Publikation. Da wurde dann auch schon mal bei einem gemeinsamen Grillabend von Journalisten und Miezen-Vereinsführung Geschäft gemacht. Im Ergebnis standen die „Miezen“ kurz vor dem Exitus, ehe sich das Online-Magazin 16vor des Themas annahm. Heute ist der Verein auf einem guten Weg zurück.

    Da gibt ein Leitender Redakteur des Heimatblattes den großen Zampano auf allen Bühnen und Podien, die er irgendwie erhaschen kann. Vom Theater über den City-Campus, von links bis rechts, von oben bis unten. Nein, Einflussnahme auf die journalistische Arbeit ist natürlich nicht zu befürchten, wo denken Sie denn hin! Diese Kollegen haben alles im Griff – so wie man sie im Griff hat. Dabei verschwimmen offensichtlich wichtige Grenzen. Der Gedanken-Krebs frisst die notwendige Distanz und Objektivität.

    Da läuft der Sport-Schreiber des regionalen Anzeigenblättchen mit dem Schlüssel für den Getränke-Kühlschrank durch das Backsteingebäude des Moselstadions und spielt sich zugleich als Medienvertreter des Klubs auf. Wenige Minuten später sitzt er in der Pressekonferenz und stellt Fragen, die unabhängig klingen sollen, es aber nicht sind.

    So etwas gibt es nur in Trier – Tatsache!

    Quasi als Krönung des Ganzen gibt ein Mitglied des Aufsichtsrates von Eintracht Trier ein Internet-Portal heraus. Werbung und PR für Verein und Vorstand werden dort als Journalismus verkauft. Die Postleitzahlen-Website, in der Szene längst als 0815.de verschrien, gaukelt Anhängern und Fans des Vereins eine heile Welt vor. Eine Welt, die so nicht existiert und die durch ihre Schönfärberei mit zum Absturz des Klubs beigetragen hat.

    Da werden schlechte Spiele via Video auf einmal zu guten. Da werden Trainer und Spieler – und vor allem der Vorstand – vom Interviewer in Watte gepackt. Da wird manipuliert, getrickst und gegaukelt. Da wird etwas verkauft, was so überhaupt nicht existiert. Eine Scheinwelt, die mit Journalismus so viel zu tun hat wie Baschar al-Assad, der Diktator von Syrien, mit der Wahrheit. Nichts nämlich.

    Schlimm wird es dann, wenn Anhänger und Fans des Vereins das tatsächlich als Journalismus annehmen. Und dem ist leider so. Die Folge ist, dass der Blick auf die tatsächlichen Fakten nicht mehr vorhanden ist, weil all jene, die darauf hinweisen, nur noch als „Nestbeschmutzer“ gelten. Bricht die vorgegaukelte heile Welt dann wie jetzt plötzlich zusammen, ist das Entsetzen groß. Es kann nicht sein, was nicht sein darf, sagt der Fan. „Weil man uns die ganze Zeit etwas anderes vorgemacht hat.“

    Dann kommt die ungezügelte Wut zum Vorschein. Wie am Freitagabend im Moselstadion, als Spieler erneut – wie schon in der letzten Saison – verhöhnt, beleidigt und bespuckt wurden. Die Brandstifter sitzen aber nicht auf der Tribüne oder stehen in den Blocks. Die Brandstifter sitzen vor den Computern und stehen am Mikrofon. „Medienpartnerschaften“ sind das Grundübel. Daraus ergibt sich letztlich alles andere.

    Das ist das „Trier-Phänomen“ – sei es nun in der Politik oder im Sport.

    * * * * *

    Es geht ans Eingemachte fürs Trierer Theater. Kulturdezernent Thomas Egger (FDP) hat einen Berater berufen: Professor Dr. Dieter Haselbach, der Mann mit dem „Kulturinfarkt“, soll die Arterien am Augustinerhof frei machen. Egger beweist damit Mut – wie schon bei den Antikenfestspielen und „Brot und Spiele“. Was Haselbach bewirken kann, wird sich erst dann herausstellen, wenn er seine Strukturanalyse vorlegt – voraussichtlich im Frühsommer 2013. „Weh tun“ wird es wohl auf jeden Fall, wie Egger bereits ankündigte.

    Im Theater selbst sollte die Berufung des Professors als Chance aufgefasst werden. Intendant Gerhard Weber ist mit seinem Team auf dem richtigen Weg. Das hat auch das Fest auf dem Kornmarkt gezeigt. Doch das alleine reicht nicht. Neue Ideen braucht Triers Kulturlandschaft allemal. Und dabei sind auch die Hüter des künstlerischen Trierer Tafelsilbers gefordert.

    Intern und bei allen, denen das Theater am Herzen liegt, sollte noch intensiver geforscht, noch produktiver nachgedacht werden: Was können wir verbessern, wo gibt es Möglichkeiten, unsere Botschaft deutlicher als bisher zu den Menschen zu tragen? Sind weitere Kooperationen möglich – etwa mit anderen Häusern, aber auch mit Schulen, Verbänden, Vereinen? Wie binden wir Unternehmen noch besser und effektiver an unser Haus, an unser Programm?

    Auch das Programm selbst muss überdacht werden. Wie bekommen wir den Spagat zwischen publikumswirksamer Vermarktung und künstlerischem Anspruch hin? Auch hier hat das Theaterfest auf dem Kornmarkt einen (möglichen) Weg gewiesen. Peter Oppermanns Faust-Persiflage mit lokalem Bezug begeisterte das Publikum. Das war beste Comedy mit allerhöchstem Anspruch. Warum also nicht einmal ein solches Stück auf die Bühne bringen – neben den Klassikern? Das Haus wäre voll, ganz sicher. Möglichkeiten gibt es en masse. Ob mit oder ohne den Professor aus Berlin.

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    Die Spee’ler haben es (fast) erreicht. Passiert nicht noch etwas Unvorhergesehenes, wird der Stadtrat am 16. Oktober wohl die Auflösung der gemeinsamen Orientierungsstufe (GOS) zwischen Friedrich-Spee-Gymnasium und Realschule plus beschließen. Das verantwortliche Ministerium in Mainz hat seine Zustimmung bereits signalisiert.

    Die Realschule am Mäusheckerweg hat sich gegen die Auflösung gewehrt. In E-Mails an unsere Redaktion war auch die Rede davon, dass deren Schüler stigmatisiert würden. Der Frieden am Schulzentrum sei nachhaltig gestört. Das kann man so sehen, und das ist (aktuell) sicher auch der Fall.

    Erklärt werden aber sollte, dass daran nicht die Spee’ler schuld sind. Der Zustand nach Zusammenführung von Haupt- und Realschule zur neuen Realschule plus war unhaltbar geworden. Wer den Fehler suchen will, der muss das in Mainz tun. Dort sitzen die Urheber des Schlamassels.

    Denn wer an einem Schulzentrum eine GOS will, der darf aus einem normalen Gymnasium mit neun Jahren bis zum Abitur kein Ganztagesgymnasium mit verkürzter Schulzeit machen. Der darf aber auch nicht Haupt- und Realschulen zusammenführen und dann alle Kinder in eine GOS pressen. Das, liebe Schulplaner, mag vielleicht auf dem Papier und in der Theorie funktionieren, nicht aber in der Praxis.

    In der Theorie können Wissenschaftlicher schließlich auch beweisen, dass ein Elefant mit dem Schwanz an einem Gänseblümchen von einer Klippe hängt. Mit der Praxis hat das jedoch nichts zu tun.

    Wer A gesagt hat, der muss jetzt auch B sagen. Das mag für die Realschule schmerzlich sein, ist aber der einzig gangbare Weg. In einer Schule, in der die Reifeprüfung nach acht Jahren verlangt wird, können nicht alle Kinder unterschiedlicher Begabung über zwei Jahre hinweg gemeinsam unterrichtet werden. Das zerstört den Schulfrieden auf Dauer ganz sicher und letztlich auch beide Schulen. Weil es nicht zusammenpasst – bei allem Verständnis für den Wunsch nach Integration.

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    Kurz wollen wir noch einmal die jüngste NPD-Demo in Trier streifen – und deren Auswirkungen auf die politische Landschaft in Trier. Die Grünen greifen massiv Oberbürgermeister Klaus Jensen und Dezernent Thomas Egger an. Beide schlagen umgehend verbal zurück. Es seien „infame Unterstellungen“, die sich die Grünen leisteten.

    Stopp, werte Damen, werte Herren. So geht das nicht. Safet Babic und Konsorten lachen sich ins Fäustchen – und haben genau das erreicht, was sie wollten: Aufmerksamkeit. Da kriegen sich die Vertreter der demokratischen Parteien wegen der Braunen in die Haare. Ist es noch zu glauben? Nein.

    Die Grünen sind ohne Frage im Recht, wenn sie kritisieren, dass diesmal hinsichtlich der Organisation fast alles schiefgelaufen ist. Es ist nicht nur ihr Recht, das anzusprechen, sondern auch ihre Pflicht. Dass beispielsweise die halbe Trierer Innenstadt um Christophstraße, Theodor-Heuss-Allee, Porta-Nigra- und Bahnhofsplatz wegen 17 brauner Hanseln lahmgelegt wurde, war ein Unding. Jensen und Egger aber sind im Recht, wenn sie sich gegen persönliche Angriffe zur Wehr setzen. Entscheidend ist jedoch, dass in diesem speziellen Fall der Ton die Musik machen sollte.

    Gegen eine kontroverse und harte politische Auseinandersetzung ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Der Soft-Talk, mit dem sich heute allzu oft auf der politischen Bühne begegnet wird, nervt inzwischen kolossal. Hier aber ist das anders: Die demokratischen Parteien dürfen den Rechten keine Steilvorlagen liefern und sie über Gebühr aufwerten. Das ist kontraproduktiv.

    Liebe Grüne, beim nächsten Mal vielleicht etwas weniger harsch, auch wenn Ihr mit Eurer Kritik sicher nicht falsch lagt. Lieber Herr Jensen, lieber Herr Egger, beim nächsten Mal vielleicht etwas weniger heftig zurückkeilen. Sonst lacht nur Safet Babic, und das will doch keiner. Oder?

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    Und weil wir den Tag, respektive die Wochenchronik immer positiv beenden wollen, unser Tipp ganz zum Schluss: Machen Sie den Computer oder das Netbook oder das Ipad oder das Iphone jetzt aus. Gehen Sie raus, genießen Sie die herbstliche Sonne, so lange sie noch da ist. lokalo gibt es auch noch morgen – versprochen!

    In diesem Sinne – eine schöne neue Woche und bis demnächst!

    1 KOMMENTAR

    1. Das Trier-Phänomen ist auch deshalb noch viel „besser“ als der Kölsche Klüngel, weil dort zumindest eine echte Medienvielfalt und nicht ein mehr oder weniger alleiniger Platzhirsch die öffentliche Meinung in den letzten Jahren bestimmt hat. Und genau deshalb der normale Leser auch nie erfahren hat, wie denn die Verbindungen, Vernetzungen etc. sind. Denn nicht alle sind so offensichtlich wie die Präsenz eines bestimmten Herrn auf den öffentlichen Diskussionsbühnen. Himmel, gibt es wirklich keine anderen Moderatoren oder Redner mehr in Trier als den Ober-Fasnachter…??! Man könnte es fast glauben…

    2. super Kommentare, stimmt in „fast“ allen
      Belangen.
      Was die Eintracht anbetrifft, so wird hier
      noch nicht einmal die Spitze des Eisberges
      tangiert,frage ma mal bei Berger nach !?!?

    3. Ich freue mich schon auf die nächste Wochenchronik.
      Vielleicht mal dieses für die „spitze Feder“: der rote „Ich gründ‘ einen Arbeitskreis -Klaus“ im Clinch mit der schwarzen „Ich mach‘ was ich will – Simone“ und der grünen „Was juckt mich mein Geschwätz von gestern“ – Angelika.

    4. Wo bleibt die nächste Chronik? Der enzigste Lichtblick in der publizistischen Landschaft von Trier. Auf geht’s Herr Thielen!

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