Operation am offenen Herzen

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    Thomas Egger geht ein hohes Risiko: Triers oberster Kulturchef vertraut einem externen Fachmann, der das Theater auf Vordermann bringen und fit für die Zukunft machen soll. Das ist ein Vabanque-Spiel, das gut gehen kann, aber nicht muss. Viel hängt vom Fingerspitzengefühl des nicht unumstrittenen Professors aus Berlin ab.

    Diesmal ist es anders als bei den Antikenfestspielen oder „Brot und Spiele“. Für beide kam das Aus unter der politischen Verantwortung von Thomas Egger (FDP). Hochdefizitär waren beide Veranstaltungen. Ihr Ende allerdings war zu verschmerzen, weil in Triers Kulturlandschaft nichts Substanzielles verloren ging. Jetzt aber geht es ums Eingemachte, um das kulturelle Tafelsilber der Stadt. Das Trierer Theater ist kein Restposten, den man mal eben so im Vorbeigehen auf der Deponie finanzieller Notwendigkeiten entsorgen kann. Das Trierer Theater verbindet Tradition und Moderne. Am Augustinerhof schlägt nach wie vor das künstlerische Herz dieser Stadt – wenn auch stark Infarkt gefährdet.

    Folglich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass jetzt ausgerechnet jener Mann, der über den „Kulturinfarkt“ in Deutschland schrieb und dafür mächtig Hiebe aus weiten Teilen der Szene einstecken musste, als Chefchirurg am Augustinerhof für die Entkalkung der Arterien sorgen soll. Quasi eine Operation am offenen Herzen. Professor Dr. Dieter Haselbach wurde geprüft und für schwer genug befunden. Egger ist sich sicher. Zumindest aber glaubt er daran.

    Denn was soll er auch anderes tun? Die Bürokraten sitzen ihm im Nacken: sparen, sparen, sparen. Auf der anderen Seite blickt er in jene Gesichter, die immer länger werden: beim Intendanten Gerhard Weber, bei den Schauspielern, Tänzern und Musikern. Egger steht in der Mitte: Er muss, auch wenn er vielleicht nicht will. Er darf nicht, weil er soll. Er kann nicht, wie er vielleicht möchte. Also holt er sich Hilfe. Noch kann man davon ausgehen, dass er dies nicht tat, um die Verantwortung von sich zu schieben. Noch darf man ihm zugestehen, dass er es tat, weil er retten will, was zu retten ist. Möglichst alles, so denn machbar.

    Trier hat erst jüngst eine schlechte Erfahrung mit einem auswärtigen Experten gemacht. Das teure Schulkonzept von Wolf Krämer-Mandeau (21.300 Euro) zerbröselt schon, bevor auch nur ein einziger Vorschlag in die Praxis umgesetzt werden konnte. Das Mainzer Bildungsministerium sagte kurz mal „Nein“ zum wichtigen Eckpfeiler der zweiten Integrierten Gesamtschule, und schon schauen alle dumm aus der Wäsche.

    Egger sollte das Debakel der Kollegin Birk Warnung sein. Er muss dem Professor aus Berlin klare Vorgaben machen. Sein Satz „Man sei ergebnisoffen“ darf nicht zu einem Freibrief für den Berater werden. „Im Denken gibt es keine Grenzen“, sagte Egger, als er das Aus für „Brot und Spiele“ verkündete. Ein geradezu philosophischer Satz, der den liberalen Habitus des Juristen aus Ludwigshafen deutlich macht.

    Was dort zutreffen mochte, darf hier aber nicht zum Maßstab werden. Geht es um das künstlerische Herz Triers, sind sehr wohl Grenzen im Denken zu ziehen – und zwar durch die Politik im Allgemeinen und Egger im Besonderen. Die Existenz des Theaters darf durch die Berliner Ideenschmiede nicht in Frage gestellt werden, auch nicht die grundsätzliche Ausrichtung. Die drei Sparten – Intendant Weber spricht gerne von deren vier – müssen erhalten bleiben. Denn eine Kastration würde das Haus nicht überleben.

    Haselbach braucht jetzt Fingerspitzengefühl in der Zusammenarbeit mit den Theaterleuten, die sich seinen Ideen zwar nicht verweigern, aber dennoch klar Position für ihre Interessen beziehen dürfen. Das ist nicht nur ihr Recht, sondern auch ihre Pflicht. Egger aber darf das Heft des Handelns nicht aus der Hand geben. Er trägt nach wie vor die politische Verantwortung als oberster Kulturchef der Stadt. Ein Berater ist ein Berater, weil er eben nur berät. Mehr nicht. Alles andere ist Aufgabe der Politik, die sich hinter dem Berliner Professor nicht verstecken darf.

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    1 KOMMENTAR

    1. Der obige Kommentar ist engstirnig.
      Natürlich darf alles was das Theater Trier angeht in Frage gestellt werden – sowie alles was die Trierer Tufa angeht, alles was öffentliche Kultur – Sport etc – Förderung überhaupt angeht in Frage gestellt werden darf und von Zeit zu Zeit sogar werden muss.
      Es geht um Kosten UND es geht um Zukunft.
      Es geht natürlich um die Zukunft des Kulturstandortes Trier , Kultur ist zumindest weicher Infrastrukturfaktor.
      Von vorneherein zu sagen : Wir brauchen ein Dreispartenhaus mit kompletter personeller Ausstattung in einer Stadt mit einer Kernbevölkerung von etwa 70 000 Menschen – das ist provinziell und obendrein teuer.
      Dann doch lieber ein freies Denken, welches sich zwar den Erhalt von Kultur und Theater
      zur Prämisse setzt, aber ansonsten Frei-Raum lässt, was Art und Weise sowie Umfang der einzusetzenden Mittel betrifft.

    2. Darf man auch fragen, ob wirklich es wirklich 3 Sparten sein müssen ? Beispiele von Landeshaupstädten ( z.B. Erfurt ) zeigen, dass es auch mit Musiktheater allein geht. Gastspiele von Schauspiel und Tanz werden regelmäßig dazugekauft. Man kann dazu noch aus unterschiedliche Handschriften wählen und hat nicht die Fixkosten des festen Ensembles.

      Nochmal das Beispiel Erfurt und überhaupt aus der bösen DDR: In Erfurt wird die Idee des Kulturpasses für Kinder und Jugendliche umgesetzt in Kooperation von Schulen, Stadt und Opernhaus/ Museen. Teilnahme an Theaterbesuchen usw wird darin bescheinigt und wirkt sich positiv auf Noten in den musischen Fächern aus bzw es gibt andere Belohnungen. Man muss nicht alles neu erfinden, aber machen sollte man etwas MEHR in dieser Richtung.Auch ohne 21.300 Euro teure Studie, anscheinend ist doch noch zuviel Geld im Budget als dass sich die Verantwortlichen mal an den Tisch setzen ( Brainstorming)

      In der DDR waren z.B. Schulkonzerte Teil des Musikunterrichts und verbindlich, ebenso gab es Schülerabos über die Schulen und Theater/Kulturvreantwortliche in den Klassen.So elend wie die DDR auch war, aber im Kulturbereich gab es solche Diskussionen wie in der reichen Bundesrepublik nicht. Da flogen keine Schauspieler alljährlich aus dem Vertrag oder mussten Sänger um die Verlängerung bangen.

      In Bezug auf Senioren: Wo sind die z.B. Montagsnachmittags oder 11:00 Vorstellungen für Senioren, abends gehen viele nicht mehr gern raus oder kommen schlecht zurück zum Heimatort.

    3. @A.Overath: Ich finde das keineswegs engstirnig, beim Theater Trier nicht alles zur Disposition zu stellen. Mal angenommen, das Theater Trier wird komplett ausgedünnt, es bleibt vielleich noch die Sparte Schauspiel. Wo ist denn die nächste Stadt, in der dann die Theaterbesucher für die anderen Veranstaltungen fahren können – nach Koblenz, nach Saarbrücken, nach Luxemburg? Trier ist nun mal ein Oberzentrum in einer strukturarmen Region. Was hier nicht stattfindet, findet mehr oder weniger gar nicht mehr statt. Und wenn man anfängt, Kultur nur noch nach der Finanzseite zu beurteilen,kann man diesen Sektor gleich zumachen. Aber solange noch öffentliches Geld da ist für eine millionenschwere Steuerverschwendung am Nürburgring oder die westlichen Städte, egal, wie arm sie sind, Transferleistungen in die ostdeutschen Kommunen geben müssen, ist nicht einzusehen, dass eine so großartige Einrichtung wie das Theater Trier kaputtgespart wird!

    4. @A.L. Sie sagen es: Luxemburg wäre der geeignete „Partner“ für das Theater Trier – und in der weiteren Folge die beiden anderen Quattropolstädte Metz und Saarbrücken.
      Die Spielstätten in der luxemburgischen Hauptstadt liegen etwa 40 Minuten entfernt. Geiegnete Shuttleservice dürften nicht das Problem sein. Die Spielstätte des Theater Trier bliebe ohnehin erhalten – eben auch für „Gast“auftritte anderer Ensembles – neben der in Trier verbleibenden Sparte.
      Und warum eigentlich soll die Stadt Trier für die umgebenden Landkreise diese Infrastruktur “ Dreispartentheater“ mit-bezahlen?
      Natürlich muss Trier ein Kulturangebot vorhalten – auch Theater – aber nicht ein Theater in dieser Form, bei dem jeder Besucher mindestens 150,- Euro kostet (!!!). -Diese Kosten entstehen der öffentlichen Hand.
      Es geht aber auch um Verteilungsgerchtigkeit innerhalb des Kulturetats: Die Tufa hat bei etwa gleicher Besucherzahl wie das Theater in etwa ein Zwanzigstel des Theateretats zur Verfügung, der Trierer „freien Kultur Szene“ werden etwa 0,5 Prozent des städtischen Theateretats zugesprochen ( bei durchaus fünfstelligen Besucherzahlen pro Jahr ).
      Es kann doch nicht nur darum gehen ein Stadttheater mittlerer Qualität dreispartig um jeden Preis aufrecht zu erhalten – sondern es muss in erster Linie um die Pflege der gesamten Kulturlandschaft dieser Stadt Trier gehen.

    5. Man kann Theaterignoranten einfach nicht beibringen warum die Häuser viel Geld kosten ohne das augenscheinliche Gegenleistungen erbracht werden. Diesem Klientel reicht RTL u. Co . Es ist einfach nur traurig das die Theater systemathisch kaputtgespart werden.

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