Ein „Nestbeschmutzer“ soll es richten

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TRIER. Der Spagat zwischen kulturellem Auftrag und Sparzwang soll gelingen – mittels eines externen Beraters. Professor Dr. Dieter Haselbach von der „Integrated Consulting Group“ wird das Trierer Theater in den nächsten Monaten durchleuchten und auf Herz und Nieren prüfen. Der Mann ist kein Unbekannter: Haselbach ist einer jener vier Autoren, die mit ihrer Polemik „Der Kulturinfarkt“ hohe Wellen in der Szene verursacht haben. Der habilitierte Soziologe gilt als ausgesprochener Kenner der Landschaft, aber auch als unbequem und unorthodox.

So richtig wohl mag er sich in der großen Runde nicht gefühlt haben. Intendant Gerhard Weber saß da und durfte sich anhören, dass sein Haus nun von einem externen „Consulter“ durchleuchtet wird. Ein wenig sollte dabei in seinem Kopf auch der üble Satz „Wer nicht mehr weiter weiß, konsultiert die Consulter“ herumgespukt haben. Zwar beeilte sich der Chef des Trierer Theaters zu versichern, dass „man die Arbeit Haselbachs natürlich vorbehaltlos unterstützen“ werde. Dennoch kam Weber nicht umhin einzuräumen: „Ja, ich sitze mit gemischten Gefühlen hier.“

GALERIA Kaufhof Damen Mode Es geht an die Substanz des Kulturhauses am Augustinerhof – oder eben um deren Erhalt. Das wird sich erst im Frühsommer des nächsten Jahres herausstellen. Dann will Hasselbach seine Analyse vorlegen. Rechtzeitig vor der Sommerpause, damit die Fraktionen des Rates beraten können. Kulturdezernent Thomas Egger kündigte aber jetzt schon an: „Es wird weh tun.“ Weil die Politik möglichen Empfehlungen Haselbachs wird folgen müssen – oder eben auch nicht. Weil dann der politische Kampf um Besitzstände und Neuerungen beginnt – ein Jahr vor der Kommunalwahl, die im Wahlkampf sicher auch das Thema „Kultur“ heiß kochen wird.

Das alles ficht den Professor nicht an. Er hat den Auftrag, das Theater auf Herz und Nieren zu prüfen, fernab von Emotionen und Befindlichkeiten. „Man hat mich und meine Kollegen wegen unseres Buches als ‚Nestbeschmutzer‘ bezeichnet“, sagt Hasselbach. Ein Vorwurf, der ihn getroffen habe und den er weit von sich weist. Er selbst sieht sich „als Liebhaber der Kultur“, was die Freiheit im Denken allerdings nicht beeinflussen soll.

Darauf hofft Egger. Triers Kulturchef hat zwar nicht kapituliert, sagt aber zugleich: „Ich habe mir das nur einmal zugetraut, dem Theater schmerzliche Sparvorgaben aufzuerlegen.“ Jetzt aber geht es ans Eingemachte. „Und da müssen wir hinter die Kulissen schauen, weil wir die Zukunft des Theaters sichern wollen“, so Egger.

Vorgaben an Haselbach gibt es laut Egger keine. „Nein, wir sind in jeder Hinsicht ergebnisoffen.“ Ausgelotet werden soll aber, wo Optimierungsmöglichkeiten vorhanden sind, „damit wir aus dem Dilemma zwischen kulturellem Auftrag und finanziellem Zwang herauskommen“. Dafür hat der Liberale Haselbach aus Berlin geholt, das soll der Professor leisten. „Schließlich kann ich nicht jedes Jahr zum Oberbürgermeister rennen und ihn um weitere 500.000 Euro fürs Theater bitten.“ Weil Jensen dann mit dem Satz konterte, Egger möge doch bitte noch 500.000 Euro vom Theater bringen.

„Wir haben inzwischen rund eine Million Euro eingespart“, betont der Dezernent denn auch. Bei einem Gesamtetat von rund 14 Millionen Euro. „Aber auch die Kosten sind gestiegen, was so viel heißt, dass wir nach wir vor beim status quo sind.“ Bedingt auch durch die Tariferhöhungen, die den Angestellten des Theaters Jahr für Jahr zustehen.

Egger will Planungssicherheit – zumindest für die nächsten fünf Jahre. „Das muss das Ziel sein, damit wir nicht jedes Jahr neue Mittel in die Hand nehmen und Löcher stopfen müssen.“ Deswegen soll Haselbach die betrieblichen Strukturen und Prozesse des Hauses prüfen, es auf Wirtschaftlichkeit und Leistungsfähigkeit hin abklopfen.

Haselbach will das in Zusammenarbeit mit den Theaterleuten leisten. „Wir haben Erfahrung mit Veränderungsprozessen – etwa beim Nationaltheater in Mannheim.“ Diese Erfahrung will der Professor auch in Trier einbringen. „Wir werden uns die Prozesse anschauen und auch der Frage nachgehen: Was passiert im Haus?“ Eines wusste Haselbach jetzt schon zu sagen: „Das Gebäude bedarf dingend einer Renovierung.“

Die „Integrated Consulting Group“ erhielt den Auftrag nach einer Ausschreibung auf Beschluss des Kulturausschusses von Mitte August. „Weil wir von dort auf unsere differenzierten Fragen die besten Antworten bekamen“, so Egger. Zu den Kosten schwieg sich der Liberale am Dienstag aus. „Darüber rede ich nicht so gerne“, sagte der Dezernent. „Aber es ist sicher nicht billig.“ (et)

ZUM KOMMENTAR von Eric Thielen

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