„Wir schmeißen uns jetzt voll ran“

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TRIER. Da staunten sogar die ewigen Biertrinker vom Kornmarkt Bauklötze. Eine feuerrote Mephista in Sympathie für den Teufel, der olle Marx als lebende Litfaßsäule mit seiner Werbebotschaft für Triers „Blaue Lagune“, der OB mit dem bösen Rotstift als (Spiel-)Verderber, Horst Köhler alias Guildo Horn, der alle lieb hat, und Musik, Musik, Musik – das Theater war in der Stadt. Triers Theater. Leibhaftig, witzig, tiefsinnig, originell und gänzlich unverstaubt, weil frisch, frivol und facettenreich. Kommt der Berg nicht zum Propheten, muss der Prophet eben zum Berg gehen. Werbung in eigener Sache – zwei Tage Theaterfest auf dem Kornmarkt.

Der Mann heißt Fritz, sagt er. Ob das stimmt, ist nicht wirklich wichtig. Namen sind in dieser Szene ohnehin nur Schall und Rauch. Fritz mit den pomadisierten braunen Haaren und dem akkuraten Seitenscheitel, der die Tolle nach rechts vom Kopf drängt, hängt immer auf dem Kornmarkt ab. Die hölzernen Bänke rechts und links vom weißen Brunnen sind gewöhnlich sein Zuhause. Die erste Flasche Bier steht schon am frühen Morgen unter der Sitzfläche im Schatten. Fritz stört niemandem; er ist einfach nur da.

Wenn Mütter sich mit ihren Kindern in der Sommerhitze am kleinen Rinnsal, das über die niedrigen Stufen plätschert, erholen, sitzt Fritz auch hier. Dann fallen ihm immer wieder mal die Augen zu – ein kleines Nickerchen im Schatten, den die Bäume ringsum werfen. Er sitzt auch heute hier, jetzt, da vor dem Brunnen der Bär steppt. Er schaut zu. Die Augen sind weit offen. Und er sagt: „Det is‘ schon der Hammer hier!“ Fritz weiß nicht so recht, wie ihm geschieht. „Ick hab‘ jarnich jewisst, det et so wat jiebt.“ Der Berliner Slang ist deutlich zu hören, der Mund schnappt nach Luft – an ein Nickerchen ist wahrlich nicht zu denken. „Aber schön is‘ det, sehr schön.“

Gerade eben tobt Sabine Brandauer als Mephista mit feuerroten Haaren über die Bühne. „Doll“, sagt Fritz. Klaus-Michael Nix als OB Klaus Jensen kommt hinzu. Er hat den bösen Rotstift gezückt. Sparen, sparen, sparen. Kultur kostet (zu viel) Kohle. Und die Stadt ist pleite. Rien ne va plus. Der olle Marx im Hintergrund kann einem leid tun. Er ist nur Staffage. Manfred-Paul Häning trägt den weißen Rauschbart und die drei Werbeschilder für die „Blaue Lagune“. Ja, ja, wenn’s ums Fressen, Saufen und den Tank geht, wird Volkes Seele in Trier krawallig.

Wie gut, dass da noch Christian Miedreich alias Horst Köhler, alias Guildo Horn ist. Der hat sowieso alle lieb, was dem OB gar nicht schmeckt. Nix-Jensen ist das eine Nummer zu arg. Genug jetzt, Guildo. Michael Ophelders als Theaterdirektor und Faust in einer Person leistet Schützenhilfe. Es hat sich ausgehornt. Basta. Fritz lacht, das Volk auf dem Kornmarkt jubelt. Es ist Theater in der Stadt. Bestes Kino, aber ohne Filmprojektor. Live, weil lebendig. Zum Anfassen eben. Ohne Staub, ohne Allüren, ohne den Geruch des modrigen Elfenbeinturmes. Natürlich darf auch der Seitenhieb auf „Brot und Spiele“ nicht fehlen. Was das Rathaus als Kunst verkauft, ist den wirklich Kunstschaffenden ein Stück Satire wert. Wo sie sich nach der immer kürzer werdenden Decke strecken müssen, öffnet die Stadt für das Römer-Spektakel ihre Schatulle. Seltsame Trierer Welt.

Chef-Dramaturg Peter Oppermann schrieb Goethes „Faust“ in kopf- und mundgerechte Häppchen um – eigens für das Fest auf dem Kornmarkt. Eine Prise Satire, ein Schuss alter Goethe, viel Lokalbezug – das war beste Comedy mit hohem Anspruch. Oppermann weiß, was die Stunde geschlagen hat. „Lebens.wert“ überschreibt das Kulturhaus am Augustinerhof seine neue Spielzeit. „Trotz oder gerade wegen der öffentlichen Diskussionen um den Fortbestand des Trierer Theaters und der erheblichen Subventionskürzungen war es unsere Absicht, mit einem positiven Spielzeitmotto – übrigens in hoffnungsvollem Grün gefärbt – auf unser Publikum zuzugehen“, sagt Oppermann.

Denn nur das Theater und eine starke Kultur machten Trier wirklich „lebenswert“. Der Chef-Dramaturg will daran auch überhaupt keinen Zweifel aufkommen lassen. Er spricht von einem inhaltlichen Bogen: „Unsere Stücke setzen sich ebenso substanziell wie unterhaltsam mit der Frage auseinander, was unserem Leben Sinn verleiht: die Karriere oder das Privatleben, die Anpassung oder der Widerstand – oder aber am Ende gar die absolute Liebe? Ich glaube, jeder wird sich in diesem nach den existenziellen ‚Lebens.werten‘ suchenden Spielplan wiederfinden.“ Sätze, die auch auf der anderen Seite des Augustinerhofes ankommen und wirken sollen. Dort, wo die Männer und Frauen mit den Rotstiften sitzen. Der Lebens-Wert von Kunst und Theater ist nicht an Bilanzen zu messen. Für Oppermann jedenfalls ist das keine Frage.

Als Triers Chef-Dramaturg längst hinter der Bühne verschwunden ist und Klaus Nix-Jensen sich von der Bank aus ansieht, wie Generalmusikdirektor Victor Puhl mit seinem Orchester bei der Kurzversion von „Carmen“ in seinem ureigenen Element ist, wuselt der Mann mit dem beigen Trenchcoat zwischen den Absperrgittern eifrig hin und her. Intendant Gerhard Weber kümmert sich um (fast) alles. „Moment, ich bin gleich wieder da“, sagt er. „Nur eben kurz nachschauen.“ Als er wieder zurückkommt, blickt er schnell über die Bühne: Alles fließt am Kornmarkt. Es war seine Idee, die Botschaft des Hauses hinaus zu den Menschen zu tragen.

„Wir schmeißen uns jetzt voll an die Leute ran“, sagt er. Was soll er auch anderes tun? Bei einem Etat von 14 Millionen Euro muss das Trierer Theater zunächst einmal eine Million Euro einsparen. Fast zehn Prozent also. Weitere Kürzungen sind nicht ausgeschlossen. „Wir sind angehalten, nicht über Zahlen zu sprechen“, sagt er auch. Muss er aber auch nicht. Die Sparvorgaben des Rathauses sind bekannt. Was Weber aber sagt, ist, dass irgendwann einfach Schluss sein wird. „Weil wir dann unseren Auftrag nicht mehr erfüllen und unser Programm nicht mehr fahren können.“ Soll heißen: Die Politik darf das Kulturhaus nicht kaputt sparen. Soll aber auch heißen: Eigeninitiative ist gefragt. Wie heuer am Kornmarkt, wie jüngst mit der „West Side Story“ in der Bobinet-Halle.

Die Eintrittspreise wurden zur neuen Spielzeit dezent erhöht. Ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Aber auch das liegt nicht in unserer Macht. Das wird bei der Stadt entschieden. Und, ja, natürlich müssen wir auch unserem sozialen Auftrag gerecht werden. Und, nein, wir wollen unsere treuen Besucher auch nicht verprellen“, sagt Weber. Er kann nicht so, wie er vielleicht will, weil er stets Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Politik und des Rathauses nehmen muss. Dort hebt oder senkt man den Daumen.

Dass die Politik bei den alten und vielleicht auch neuen Freunden des Theaters nicht gut gelitten ist, wird deutlich, als Kulturdezernent Thomas Egger (FDP) die Bühne betritt. Nur wenige Hände bewegen sich zum Applaus. Das war Sekunden zuvor noch ganz anders. Kristina Stanek als „Carmen“ konnte geradezu im Jubel baden. Und auch Fritz sagt: „Oh je, jetzt wird et langweilig.“ Nicht ganz: Egger hält sich bewusst im Hintergrund, als die Theatermaske für herausragende künstlerische Leistungen verliehen wird. In diesem Jahr erhält sie Barbara Ullmann vom Schauspiel-Ensemble. Nominiert waren auch Sabine Brandauer, Sven Grützmacher, Victor Puhl sowie der Theater- und Extra-Chor. Ullmann macht als Publikumsliebling das Rennen. Jetzt applaudieren alle – auch Fritz.

Der schaut übrigens immer noch zu, als es schon längst kalt und dunkel geworden ist. „Weil ick so wat ja nich alle Tage jeboten krieje.“ Ins Theater wird er wohl kaum gehen, auch nicht nach dem Fest auf dem Kornmarkt. Dafür fehlt ihm schon das Geld. Aber das ist auch nicht wichtig. Was ihm bleibt, ist ein wenig Seelenbalsam, wenn er am Montag die Bänke am Kornmarkt wieder fast für sich alleine hat. Die Erfahrung teilt er mit allen, die beim Fest des Trierer Theaters waren. Wenn sich dann noch der eine oder andere auch am Augustinerhof einfindet, hat Weber sein Ziel erreicht: Kunst und Theater bei den Menschen, für die Menschen – mit den Menschen. (et)

ZUM KOMMENTAR von Eric Thielen

1 KOMMENTAR

  1. Besten Dank für die Korrektur: Da hat uns der kleine Zettel mit den Besetzungslisten doch falsch informiert – kann vorkommen.

  2. Ein klasse Bericht über eine wirklich klasse Veranstaltung: Wer nach den hochklassigen Vor-und Beiträgen auf dem Kornmarkt noch immer keine Lust bekommen hat, ins Theater Trier zu gehen, ist selber schuld! Da verpasst man wirklich etwas – die Trierer Theatertruppe muss sich jedenfalls vor vermeintlich größeren Häusern nicht verstecken, das haben die Auftritte auf der Kornmarktbühne gezeigt.

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