Verkehrte Trierer Welt

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    Es sagt sich so leicht: Das Trierer Theater darf nicht kaputt gespart werden. Künstler und Kulturschaffende sind keine geschützte Art. Die Kassen sind leer, die Zwänge groß. Doch das darf nicht als alleiniger Maßstab gelten. Zudem muss die Stadt ihre Prioritäten überdenken – schleunigst.

    Darüber muss man nicht diskutieren: Das Trierer Theater kann in seiner Qualität mit vielen weitaus größeren Bühnen mithalten – in allen drei Sparten. Das aber nutzt nichts, wenn die Stadt den Geldhahn immer weiter zudreht. Jetzt schon müssen Sven Grützmacher, Peter Oppermann und auch Intendant Gerhard Weber schauen, wie sie aus wenig möglichst viel machen. In der Vorratskammer gähnen riesige Löcher, und doch erwarten die Besucher am Augustinerhof ein künstlerisches Viel-Gänge-Menü, wenn sie im Kulturhaus Platz nehmen. Ein täglicher Spagat also, der zwischen Politik, Publikum und eigenem Anspruch zu vollbringen ist.

    Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Irgendwann reißt die Hose, und es ist Schluss mit lustig. Dann steht Trier möglicherweise vor den Trümmern jener Bühne, die für viele die Welt bedeutet. So weit darf es nicht kommen. Im Rathaus muss ein Umdenken einsetzen – vor allem hinsichtlich jener Prioritäten, die man selbst setzen will. Kann es angehen, dass das rein kommerzielle Römer-Spektakel „Brot und Spiele“ demnächst vielleicht 150.000 Euro aus der Stadtschatulle als Subvention erhält? Kann es angehen, dass die Stadt das Moselstadion für eine Million Euro – inklusive der Landeszuschüsse – saniert, damit ein Viertligist dort vor 1000 Zuschauern spielt? Nein, das kann nicht angehen, wenn zugleich am Augustinerhof der Rotstift angesetzt und die Daumenschrauben zugezogen werden. Verkehrte Trierer Welt.

    Sicher, die Stadt will unter den Rettungsschirm des Landes, in den Entschuldungsfonds, um endlich von ihrem hohen Defizit herunter zu kommen. Aber das rechtfertigt nicht jeden Preis, der dafür zu zahlen sein wird. Kunst und Kultur sind nicht nur „lebens.wert“, sie sind auch mehr wert, als die nackten Zahlen das vielleicht suggerieren. Sie sind die Basis für Gesellschaft und Zusammenleben. Sie sind das Band, das alle verbindet. Sie sind das Fundament, auf dem eine Gesellschaft sich entwickelt. Das wird in unserer hektischen Zeit, die kaum noch etwas anderes als die Dollar-Zeichen in den Augen und die Euro-Noten im Kopf hat, leider immer häufiger vergessen. Nicht alles ist mit Geld aufzuwiegen und schon gar nicht zu bezahlen.

    „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, hat Bert Brecht einst gezürnt. Möglich. Aber wer so denkt, der springt zu kurz. Denn ohne Moral kein Fressen. Eine Gesellschaft braucht die innere Moral – nicht jene, die sich von veränderlichen Gesetzen ableitet – um darauf zu wachsen und zu gedeihen, auch wirtschaftlich, zum Fressen eben. Und die wird jeder Generation über Kunst und Kultur vermittelt. Was in den Klassikern steht, ist nicht tot, sondern lebendig, weil hier die wirklich wichtigen Werte vermittelt werden. Und wer soll den Menschen diese Botschaft nahe bringe, wenn nicht Bühnen wie das Trierer Theater? Ein rhetorische Frage.

    Apropos Wert: Trier ist in vielem viel zu billig. Nicht preiswert, weil darin die beiden Wörter Preis und Wert stecken. Etwas ist also seinen Preis wert. Das ist ein Unterschied zu „billig“. Trier ist zu billig. Das betrifft die Höhe der Knöllchen fürs Falschparken ebenso wie die Eintrittspreise fürs Theater. Auch hier muss ein Umdenken stattfinden. Diesmal aber nicht nur im Rathaus, sondern in allen Köpfen. Wer gute Kunst will, der muss auch bereit sein, dafür zu zahlen. Mehr auf jeden Fall, als er das bisher tut.

    Ein Teil der zusätzlich generierten Einnahmen ließe sich dann durchaus für soziale Verpflichtungen abzweigen. Etwa, wenn Kinder aus einkommensschwachen Familien auch das Bedürfnis verspüren, ins Theater zu gehen. Schließlich darf sich Bildung nicht noch stärker zu einer Frage der Herkunft entwickeln. Da sind auch die Schulen gefordert.

    Weber aber hat mit seiner Theater-Truppe jetzt genau den richtigen Weg eingeschlagen. Es hat keinen Sinn, im Elfenbeinturm zu sitzen und mit Steinen auf die Bösen mit dem Rotstift da draußen zu werfen, weil die den Turm stürmen wollen. „West Side Story“ in der Bobinet-Halle und das Theaterfest auf dem Kornmarkt weisen den Weg. Raus aus der Hütte, hin zu den Menschen, ins pralle Leben, in die Schulen, auf den Markt der Möglichkeiten. Das ist die richtige Richtung. Damit alle merken, dass am Augustinerhof keine verstaubte Kost geboten wird, sondern Schmackhaftes mit frischen Zutaten. Und vielleicht ist dann demnächst auch die Vorratskammer wieder (prall)gefüllt.

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