Trierer Schuldebatte: Ein teures Konzept zerbröselt

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TRIER. Ein Kernpunkt im Konzept des Bonner Büros „Biregio“ zur Reform der Trierer Schullandschaft ist bereits Makulatur, noch ehe an die praktische Umsetzung gedacht werden kann. Am Mäusheckerweg wird keine zweite Integrierte Gesamtschule (IGS) entstehen. Diesem Vorschlag hat das Mainzer Bildungsministerium eine klare Absage erteilt. Mit der Botschaft kehrte Bürgermeisterin Angelika Birk (Grüne) aus der Landeshauptstadt zurück. Am Dienstag informierte sie darüber den Schulträgerausschuss, am Mittwoch die Presse. Zur Zukunft der Orientierungsstufe von Friedrich-Spee-Gymnasium und Realschule plus am Mäusheckerweg wird es noch im September eine Sondersitzung des Ausschusses geben.

Urplötzlich steht ein städtischer Ausschuss im Fokus, von dem in der Öffentlichkeit sonst nur wenige wissen, dass es ihn überhaupt gibt. Am Dienstagabend war das Gedränge schon vor der Sitzung des Schulträgerausschusses groß. Schulleiterinnen und Schulleiter waren geladen. Elternvertreter der Schulen und Arbeitsgemeinschaften fanden sich ein. Das Interesse an der möglichen Umgestaltung der Trierer Bildungslandschaft ist nach wie vor ungebrochen.

Nichtöffentlich tagte das Gremium. Wer nicht geladen war oder nicht auf der Liste der Verwaltung stand, durfte nicht hinein. Nach lokalo-Informationen wurden gleich fünf Personen von der Sitzung ausgeschlossen, weil ihnen die Akkreditierung fehlte. Dass sie als Vertreter von verhinderten Teilnehmern erschienen waren, spielte dabei keine Rolle. Wer nicht auf der Liste stand, musste weichen, selbst wenn die Verwaltung zuvor per E-Mail über die Änderung informiert worden war.

Er war auch da und stand zugleich im Mittelpunkt: Wolf Krämer-Mandeau, Schulplaner und Zielscheibe der öffentlichen Kritik. Sein Bonner Büro „Biregio“ hat den neuen Masterplan zur Umgestaltung der Trierer Schullandschaft erarbeitet. Nach lokalo-Informationen ließ sich die Stadt das Konzept bisher 19.000 Euro kosten. Geld, das nach Auffassung vieler Kritiker unterschiedlicher politischer Couleur besser anderweitig verwendet worden wäre. Zumal die Stadt bereits unter dem ehemaligen Dezernenten Ulrich Holkenbrink einen „Runden Tisch“ initiiert hatte, auf dessen Vorarbeiten „Biregio“ zurückgreifen konnte.

Dass ein Kernpunkt des Papiers aus dem Bonner Planungsbüro bereits Makulatur ist, bevor überhaupt an die praktische Umsetzung gedacht werden kann, musste Dezernentin Angelika Birk nicht nur dem Ausschuss am Dienstagabend, sondern am Mittwoch auch vor der Presse mitteilen. Trier wird neben der IGS auf dem Wolfsberg keine zweite Integrierte Gesamtschule bekommen – weder am Mäusheckerweg noch anderswo. Dieser Idee hat das Mainzer Bildungsministerium inzwischen eine klare Absage erteilt.

Das Ministerium sehe „kein Bedürfnis für eine zweite IGS“, räumte Birk am Mittwoch ein. Damit ist der von Krämer Mandeau erarbeitete und so apostrophierte „Plan A“ bereits frühzeitig Geschichte. In der schriftlichen Pressemitteilung des Rathauses wird jetzt von „Plan B“ und „Plan C“ gesprochen – obwohl solche noch überhaupt nicht vorliegen. „Plan A“ soll jetzt allerdings der Öffentlichkeit über die Homepage der Stadt zugänglich gemacht werden – rund 190 Seiten ist das Papier stark.

Ursprünglich wollte Birk alle Fraktionen des Stadtrates zügig informieren, damit der Rat noch im November einen Beschluss hätte fassen können. Daraus wird jetzt nichts. „Wir brauchen mehr Zeit“, sagte die Dezernentin, „weil wir nach dem Nein des Ministeriums zur zweiten IGS jetzt ein neues Gesamtkonzept schnüren müssen.“ Das wird dann den Arbeitstitel „Plan B“ tragen. Dass daraus noch ein „Plan C“ oder Plan D“ werden könnte, wollte Birk ebenfalls nicht ausschließen.

„Das hängt ja nicht nur von uns, sondern auch von der ADD und dem Ministerium ab“, betonte die Dezernentin. Jede Entscheidung müsse von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion sowie in Mainz genehmigt werden. „Biregio“ mit Planer Krämer-Mandeau genießt aber auch weiterhin Birks Vertrauen – trotz der klaren Abfuhr der Mainzer hinsichtlich der geplanten zweiten IGS. „Herr Krämer-Mandeau ist ein unabhängiger Gutachter, der sich seine eigenen Gedanken macht und daraus Vorschläge entwickelt“, sagte Birk. Kritik, Krämer-Mandeau hätte sich zuvor in Mainz erkundigen können, ob das Ministerium einer zweiten IGS für Trier überhaupt zustimmen würde, wies Birk zurück. „Das ist nicht seine Aufgabe.“

Krämer-Mandeau will von insgesamt 23 Trierer Grundschulen nur 16 bestehen lassen. Sein Konzept sieht eine regelrechte Völkerwanderung der Schüler im Stadtgebiet vor – ausgelöst durch den großen Sanierungsstau in und an vielen Gebäuden. Mehr als 50 Millionen Euro müsste die Stadt nach Informationen von lokalo in den kommenden Jahren investieren, um alle Schulen von Grund auf zu sanieren. Geld, das nicht da ist. „Wir können unseren Aufgaben in dieser Größenordnung einfach nicht mehr nachkommen“, räumte Birk am Mittwoch ein. „Keine Stadt leistet sich so viele kleine Grundschulen wie Trier – das ist eine Tatsache. Deswegen müssen wir etwas ändern.“

Ehrang: Sondersitzung im September

Aber auch aus pädagogischer Sicht seien Schulzusammenlegungen sinnvoll. „Teilweise liegt die Klassenstärke an bestimmten Grundschulen nur noch bei zwölf oder 13 Kindern. Auch das ist nicht mehr zu verantworten“, so die Dezernentin. Gleichzeitig aber hätten die drei Berufsbildenden Schulen akuten Raummangel. „Und das ist auch nicht länger hinnehmbar.“ Betroffen von der räumlich beengten Situation seien aber auch die Gymnasien in der Innenstadt, die „zukünftig 50 Prozent eines Schüler-Jahrgangs aufnehmen“ müssten. Verschärft werde die Situation noch weiter, wenn der „Klassenteiler – wie vom Ministerium angekündigt – vom Schuljahr 2013/2014 an von 30 auf 28 Kinder und im Jahr darauf sogar auf 25 reduziert wird“. Ferner sei die Nachfrage aus dem Landkreis schlicht zu hoch. „Ein weiteres Problem für uns“, so Birk.

Auch deshalb wünscht Birk sich „eine deutlich stärkere Akzeptanz des GTS8-Gymnasiums“. Am Friedrich-Spee-Gymnasium in Ehrang hat man jedoch mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen. Die Anmeldezahlen sind klar rückläufig. Insider wie der neue Schulleiter des FSG, Kajo Hammann, der ebenfalls an der Sitzung des Schulträgerausschusses teilnahm, führen das in erster Linie auf die gemeinsame Orientierungsstufe mit der neuen Realschule plus zurück (wir berichteten mehrfach). Deswegen drängen Lehrer und Eltern seit Jahren darauf, die Orientierungsstufe aufzulösen und das FSG als reines G8-Gymnasium zu betreiben.

Nicht zuletzt nach den Vorschlägen der Trierer Grünen, die eine mögliche Auflösung des FSG angeregt hatten, kommt jetzt Bewegung in die Angelegenheit. Birk kündigte noch für September eine Sondersitzung des Schulträgerausschusses an. „Das Ministerium hat mir signalisiert, dass wir jetzt den Antrag stellen müssen, sollten wir die gemeinsame Orientierungsstufe aufheben wollen“, so Birk. Der Stadtrat könnte dann in seiner Sitzung am 16. Oktober auf Vorschlag des Ausschusses einen dementsprechenden Beschluss fassen.

Möglich wäre ein solcher Beschluss aber auch schon in der nächsten Sitzung des Rates am kommenden Dienstag (18. September) gewesen. Doch der Punkt „Orientierungsstufe FSG“ stand bei der jüngsten Sitzung des Ausschusses nach lokalo-Informationen nur unter dem Tagesordnungspunkt „Berichte und Mitteilungen“. Deswegen konnte der Ausschuss am Dienstagabend keinen Beschluss fassen und das Ergebnis an den Rat weiterleiten. Birks Büro hätte die Tagesordnung von Freitag bis Dienstag dahingehend ändern müssen, dass die Mitglieder unter „Beschlüsse“ hätten abstimmen können. Das wurde jedoch nicht getan.

Nach weiteren Informationen unserer Redaktion könnte sich nach dem Nein des Ministeriums zur zweiten IGS am Mäusheckerweg nun eine Zusammenlegung der Kurfürst-Balduin-Realschule (Trier-West) mit der Realschule vom Mäusheckerweg am Schulzentrum in Ehrang abzeichnen – sofern dort die gemeinsame Orientierungsstufe aufgehoben werden sollte. Damit würden die Räumlichkeiten in Trier-West frei – etwa für die Nutzung durch die Berufsbildenden Schulen. Ferner wäre eine stärkere Auslastung des Komplexes in Ehrang gewährleistet.

Bei all den Überlegungen will Birk „weiter aufs Tempo drücken, ohne jedoch den Fraktionen und dem Rat vorzugreifen“. Die Dezernentin hofft, dem Rat noch in diesem Jahr eine Beschlussvorlage zur Umgestaltung der Trierer Schullandschaft präsentieren zu können. „Aber sicher ist das nicht.“ Es könnte also auch Februar werden, wobei laut Birk viele Sorgen der Eltern und Schülern unbegründet seien. „Weil sich zum nächsten Schuljahr ohnehin überhaupt nichts ändern wird.“ (et)

Nachtrag der Redaktion: Am heutigen Donnerstag hat das Presseamt der Stadt die Kosten für das „Biregio“-Konzept auf Nachfrage von lokalo korrigiert. Die Summe liegt 2.300 Euro über der von uns veröffentlichen. Demnach kostete das Konzept die Stadt bisher 21.300 Euro.

ZUM KOMMENTAR von Eric Thielen

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1 KOMMENTAR

  1. Ich kann nicht verstehen, dass man eine so wichtige Angelegenheit wie die Schulenplanung einem externen Consulter überlässt. Außer, man will als Verwaltung ein Stück Arbeit und vor allem Verantwortung abgeben. Wenn’s nämlich schief geht oder die Leute sich aufregen, kann man immer noch sagen, das sind ja nicht unsere Vorschläge… Also wenn ich den (übrigens sehr informativen) Artikel richtig verstehe, ist der Stand jetzt so: Die Stadt hat 19.000 Euro ausgegeben, aber man ist eigentlich immer noch keinen Schritt weiter, außer dass man es geschafft hat, Eltern, Schüler & Lehrer komplett zu verunsichern. Gratulation, das nenne ich doch mal einen echten Erfolg!!

  2. @ A.L. Haben Sie etwas anderes erwartet? Beide Damen sitzen doch nicht wegen ihrer Kompetenz im Stadtvorstand, sondern weil sie in Trier parteipolitisch „versorgt“ wurden. Es wird Zeit, dass man nicht nur den OB urwählt, sondern die ganze Stadtspitze.

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