Wochenchronik: Vorsicht, spitze Feder!

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    TRIER. Die arme Stadt ist inzwischen so klamm, dass ihr sogar die Stühle ausgegangen sind. Wasser gibt es nur noch aus dem Hahn, Gläser ohnehin nicht mehr. Im Stehen wird diskutiert. Höflichkeit ist die Sache der Trierer Verwaltung nicht. Dafür können die städtischen Kontrolleure demnächst beim neuen Flatrate-Bordell die Puff-Steuer eintreiben. „Die Geister, die ich rief!“ Großer Bahnhof für einen (angeblich) wichtigen Kulturminister aus Berlin. Den braucht das Trierer Theater bestimmt nicht. Eher hausgemachte Ideen. Und, ja, „Brot und Spiele“ ging in die zweite Runde – mit angeblich 20.000 Besuchern. Alle besoffen – oder was? Von Eric Thielen

    Kurze Frage: Hat die Stadt Trier keine Stühle mehr? Kurze Antwort: Man weiß es nicht. Lassen wir mal beiseite, dass Bürgermeisterin Angelika Birk (Grüne) die Schüler, Elternvertreter und Lehrer des Friedrich-Spee-Gymnasiums weit über das akademische Viertel hinaus am Freitag vor dem Rathauseingang warten ließ. Mit dem Büro der Dezernentin war vereinbart, dass man sich um zwölf trifft. Zunächst war zehn Uhr vereinbart. Der Termin wurde auf Wunsch der Verwaltung verschoben. So weit, so gut.

    „High noon“ war längst vorbei. Beflissene Menschen eilten durch die Flure, die Bürgermeisterin zu suchen. Nichts. Anscheinend wusste keiner, wo sich die Derzernentin aufhielt. Eine seltsame Organisation. Parterre saß sie, in einer Sitzung. Wahrscheinlich oberwichtig. Ihre Mitarbeiter habe sie angewiesen, öfter mal aus dem Fenster zu schauen. Aber es sei ja so ruhig gewesen vor dem Eingang. Schlussfolgerung ihrerseits: Die Spee’ler aus Ehrang sind noch nicht da.

    Merke: In Trier findet nur Gehör und Aufmerksamkeit, wer Krawall macht! Schöne Zustände.

    Die Ehranger waren ohne Trillerpfeifen und Trommeln erschienen. Ruhig, unaufgeregt, sachlich für ihre Sache streitend. Schließlich kam sie, die Frau Bürgermeisterin, dann doch – und blieb. Stehen. Die ganze Zeit. Vor dem Eingang. Amtsgeschäftserlediger mussten sich an der Gruppe vorbei quetschen. Warm war’s. Trocken in der Kehle, zumal die Worte nur so sprudelten. Und die Beine schmerzten. Abhilfe? Mitnichten.

    Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist. Ich jedenfalls biete meinem Besuch einen Platz an. Auch etwas zu trinken. Höflichkeit, Anstand, Respekt. Vielleicht sind diese Umgangsformen inzwischen verloren gegangen. Bei der Trierer Verwaltung auf jeden Fall. Wer mich besucht, der wird als Gast behandelt. Es sei denn, ich will ihn oder sie brüskieren. Dann ist die Botschaft eindeutig: Hau‘ ab, Du gehst mir auf die Nerven!

    Noli tangere circulos meos. Störe meine Kreise nicht!

    Exakt so müssen sich die Spee’ler als unerwünschte Bittsteller vor dem Eingang der Machtzentrale vorgekommen sein. Es ist ja beileibe nicht so, dass die Ehranger mit einer ganzen Hundertschaft am Augustinerhof eingefallen wären. Ein gutes Dutzend war da. Und für die muss es doch irgendwo im Allerheiligsten der Trierer Verwaltung einen Raum geben. Direktor Kajo Hammann hätte sicher auch selbst einen Kasten Sprudel besorgt, sollte das Rathaus schon zu arm ist, Schülern aus der Stadt ein Glas Wasser anzubieten. Notfalls hätte man auch sammeln können. Haste mal ’nen Euro? Ich geh‘ auch was zu trinken holen…

    Fünf Tage hatte Birks Büro Zeit, sich auf den Besuch der Spee’ler vorzubereiten. Fünf Tage. Die haben dem lieben Gott gereicht, um fast die ganze Welt zu erschaffen. Und die Trierer Verwaltung bekommt es nicht einmal hin, einen kleinen Raum und einen Kasten Sprudeln zu organisieren.

    Oder wollte man nicht? Das ist hier die Frage.

    Wenn ein (angeblich) wichtiger Kulturminister aus Berlin erscheint, wird großer Bahnhof gemacht. Dann ist helle Aufregung im Staate Trier. Dann eilen alle von A nach B, dann wird geputzt, gewienert, gescheuert und gespeist. Kommen aber Trierer Schüler mit ihren Lehrern und Eltern zum Protest an den Augustinerhof, sind nicht einmal Stühle da, geschweige denn ein Glas Wasser.

    Bedauernswertes Trier – und das nicht nur finanziell. Welch verkehrte Wertmaßstäbe. Einfach armselig.

    * * * *

    Apropos großer Bahnhof. Staatsminister Bernd Neumann (CDU) war in Trier. Ja, genau der, für den geputzt, gewienert, gescheuert und mit dem gespeist wird. Da wird dann von hochrangigen Diskussionen gefaselt, davon, dass nicht alle Tage ein Kulturstaatsminister die Stadt besuche. Ganz wichtig ist das. Und ganz ehrlich: Das braucht Trier nicht.

    Berlin ist von hier so weit weg wie die Erde vom Mond. Die Trierer Zukunft liegt nicht an der preußischen Spree, sondern im Zusammenwirken mit Luxemburg und den französischen Partnern in Metz oder auch Nancy. Das entspricht dem historischen Erbe der Region deutlich mehr als die Anbindung ans nordeutsch-germanische Flachland. Die Nationalstaaten Europas werden auf kurz oder lang ohnehin kollabieren, weil Grenzen keine Zukunft haben. Regionale Schwerpunkte werden sich bilden, in denen gemeinsame Interessen vertreten werden. Politisch, wirtschaftlich und kulturell.

    Zugegeben: Dafür braucht es noch ein oder gar zwei Generationen. Dem Trierer Theater hilft das aktuell nicht weiter. Wohl aber, sich jetzt schon stärker nach Westen und nicht nach Osten zu orientieren. Die Zusammenarbeit mit Luxemburg und den nahen Städten im französischen Nachbarland sollte forciert und intensiviert werden. Dort liegt Triers Zukunft und auch die der hiesigen Kultur. Nicht in Koblenz, nicht in Kaiserslautern und schon gar nicht in Berlin.

    Letzteres entspricht der Denke in altbekannten Mustern. Wer über den Tellerrand schauen will, über die nächsten zwei Generationen hinweg, der muss nach Westen blicken. Weder Mainz noch Berlin helfen Trier weiter. Und Phrasen kann man auch hier dreschen, dafür braucht man nun wahrlich keinen Staatsminister von der Spree.

    * * * *

    Natürlich geht es auch jetzt ums liebe Geld. Um was auch sonst? Trier hat seit gut zwei Monaten eine Sex-Steuer. Es gab wenig Aufregung um die fünf Euro, die alle Prostituierten, die in der Stadt ihre Dienste anbieten, künftig pro Arbeitstag in den Stadtsäckel blechen müssen.

    Jetzt aber ist das Geschrei groß. Warum? Weil in Trier-Nord ein Flatrate-Bordell öffnen soll. Stopp! Irgendetwas läuft hier doch gerade ziemlich verkehrt. Wo, bitte, liegt der qualitative Unterschied zwischen dem 150 Euro teuren Sex und jenem für unter 100 Euro? Wo sind die Beweise, dass in den übrigen Bordellen und Clubs der Stadt nicht auch Frauen gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen werden? Und ist es bewiesen, dass dies beim Flatrate-Puff so ist? Nein.

    Wer das moralisch bewerten will, der muss ganz an den Ursprung zurückkehren. Um dann festzustellen, dass es grundsätzlich nicht richtig sein kann, dass Menschen (Frauen oder Männer) ihre Körper verkaufen (müssen). Wer aber A sagt und an dem Geschäft auch noch über eine Steuer beteiligt sein will, der muss auch B sagen. Es geht doch nicht an, dass dort die guten Zuhälter sitzen sollen, hier aber die bösen.

    Das ist nicht anderes als eine scheinheilige Doppelmoral. Die Stadtverwaltung hat mit ihrer Sex-Steuer die Tür geöffnet. Und durch diese marschieren jetzt auch jene, die man vielleicht nicht haben wollte. Pech gehabt. Die SPD hat der neuen Sex-Steuer übrigens zugestimmt. Jetzt aber echauffiert sich Fraktionschefs Sven Teuber über angeblich verfassungswidrige Billig-Sex-Anbieter.

    Ach so ist das. 500 Euro mit Schampus im Whirlpool und drei Mädels gleichzeitig sind in Ordnung, weniger als 100 Euro Eintritt und vier Mädels nicht mehr. Oder wie oder was? Vielleicht hätten die Genossen einmal vorher kurz innehalten sollen. Manchmal ist es hilfreich, etwas weiter zu denken als nur bis zum nächsten Tag. Dann wäre ihnen aufgegangen, dass die Sex-Steuer ein öffentliches Signal war. Hier dürft ihr, wir haben nichts dagegen.

    Aber hinterher ist man bekanntlich ja immer schlauer. Selbst Politiker.

    * * * *

    Ach ja, „Brot und Spiele“ ging an diesem Wochenende in die zweite, letzte Runde. Von stolzen 17.000 Besuchern war im ortsansässigen Lokalblatt zu lesen. 20.000 waren es gar, schenkt man den Meldungen der Radiosender Glauben. So viel kostenlose Werbung und PR würden sich andere Veranstaltungen auch wünschen. Aber da funktionieren die Seilschaften eben nicht so gut wie in diesem Fall.

    Vielleicht hat der Honigwein die Hirne einiger Berichterstatter umnebelt. Vielleicht waren es aber auch kostenlose Eintrittskarten, Pressespeisung und Getränke für lau. Journalisten sind eben auch nur Menschen, korrumpierbar wie viele andere.

    Groß wurde unter der Woche noch plakatiert, dass eine Zusatzvorstellung angesetzt sei – wegen des begeisterten Publikums. Nicht nur böse Zungen sprechen längst davon, dass damit das Defizit etwas geschönt werden soll. Wir werden sehen.

    Hohe Zeit ist es, dass Wirtschaftsdezernent Thomas Egger (FDP) schleunigst aus dem chinesischen Xiamen zurückkehrt und hier seine Aufgaben erledigt. Hic Rhodus, hic salta! Und nicht im Reich der Mitte. Umgehend nach Abschluss des „Römer-Spektakels“ muss die Verwaltung Zahlen und Fakten offenlegen. Weil es hier um öffentliche Zuschüsse für eine kommerzielle Veranstaltung geht.

    Also, Herr Egger, nehmen Sie den nächsten Flieger. Trier erwartet Sie!

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    Fast hätten wir es vergessen: Positiv sollst du den Tag, respektive die Wochenchronik beenden. Tun wir, keine Sorge. Die Sonne scheint, genießen Sie den Ausklang des Sommers. Der nächste Winter kommt bestimmt – leider! Wie sagte Kaiser Franz, der Beckenbauer, einst: „Da draußen ist so schönes Wetter, und ich reg‘ mich hier über solchen Unsinn auf.“ Gemeint war wohl Berti Vogts oder irgendein anderer der Vasallen des Kaisers. Alles relativ also…

    In diesem Sinne – eine schöne neue Woche und bis demnächst.

    1 KOMMENTAR

    1. @flatrate-Bordell: die ganze politische Debatte ist so was von verlogen! Jahrelang gab es den Puff mit dem bezeichnenden Namen „Motel Geiz“ und daran hat sich keiner gestört ! Typisch!!!

    2. Es geschehen noch Wunder : heute hat die ortsansässige Presse gemäß der Wertigkeit über Brot u spiele am Wochenende berichtet: nämlich überhaupt nicht !!!!! Kompliment meine Damen u Herren , haben sie auch gemerkt ,daß diese Veranstaltung keinen in Trier u Umgebung , außer die medienfabrik , interessiert !!

    3. Frau Birk sollte sich mal überlegen wer dafür verantwortlich ist, dass sie ihre monatliche Vergütung bekommt. Von Verdienst möchte ich hier nicht sprechen. Sie spricht immer nur von „arroganter Elite“ am FSG. Von genau dieser „Elite“, die übrigens nicht nur am FSG ausgebildet wird, lebt unser Staat.
      Und von Arroganz sollte eine Frau Birk sicher nicht reden. Arroganter als diese Dame kann man ein Thema nicht mehr behandeln bzw. ignorieren. Hoffentlich setzen sich die Eltern der betroffenen Kinder durch und können ein Erhalten dieser vorzüglichen Schule erreichen. Aber wahrscheinlich ist alles schon in politisch eingefärbten trockenen Tüchern. Der Bürger hat gefälligst den Mund zu halten.

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