Winterhoff fordert Umdenken bei Erziehung

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TRIER. 800 Gäste hatten sich in der bis auf den letzten Platz besetzten Konstantin-Basilika eingefunden, um das neue Schuljahr einzuleiten. Der Evangelische Kirchenkreis Trier hatte zu seinem traditionellen Neujahrsempfang eingeladen. Hauptreferent des Abends war der Bonner Kinder- und Jugendpsychiater sowie Psychotherapeut Dr. Michael Winterhoff. Er forderte ein Umdenken in der Erziehung. „Kinder sind keine Partner auf der gleichen Ebene wie Erwachsene“, sagte Winterhoff.

Winterhoff ging in seinem Vortrag auf das Thema ein: „Erziehung, Beziehung, Werte – Wie verstehen wir den Nachwuchs besser und was heißt das für unser Bildungshandeln an Kindern und Jugendlichen?“ Winterhoff rief dazu auf, psychiatrische Erkenntnisse stärker in der schulischen und außerschulischen Erziehung zu berücksichtigen. „Die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen 25 Jahre sind so gravierend, dass unsere Psyche in Gefahr steht, unbewusst über Kinder zu kompensieren.“

Dadurch entstünden Verschiebungen in der Beziehung zum Kind, weiß der Bonner Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut. „Kinder werden als Partner auf gleicher Ebene betrachtet, was sie definitiv nicht sind“, erklärte Winterhoff. In der Folge blieben Kinder zunehmend auf frühen Entwicklungsstufen stehen. Der Experte empfiehlt daher: „Lehrerinnen und Lehrer müssen Entwicklungshelfer werden, was die emotionale Psyche anbelangt.“

Bekannt wurde Winterhoff durch Publikationen wie: „Warum unsere Kinder Tyrannen werden – oder: Die Abschaffung der Kindheit.“ Seine These: Immer mehr Erwachsene befinden sich in gravierenden, unbewussten Beziehungsstörungen gegenüber (ihren) Kindern.

Der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Trier, Christoph Pistorius, legte in seiner Andacht zu Beginn die biblische Vorstellung von der Gottes-Ebenbildlichkeit des Menschen als Maßstab für evangelisches Bildungshandeln aus. „Die Bibel hält an der Ebenbildlichkeit Gottes als Anspruch fest, aber sie weiß auch um die Grenzen des Menschen. Sie kehrt sie nicht unter den Teppich, sondern beschreibt oder benennt sie und sie wirbt in Jesus Christus für eine Kultur der Annahme und der Liebe, sie hält in uns wach die Sehnsucht, dass nicht alles so bleiben muss wie es ist“, sagte der leitende Geistliche der Protestanten in den Regionen Mosel, Eifel und Hunsrück.

Der Leiter des neu gebildeten Referates für Bildung, Kommunikation und Medien des Kirchenkreises, Dr. Jörg Weber, betonte in seiner Begrüßung: „Wir wollen mit dieser Veranstaltung neben dem Fachpublikum aus den verschiedensten Bereichen der Schule die Veranstaltung noch weiter öffnen: Für Kindertagesstätten, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung. Es gehört zu unserem Verständnis evangelischer Bildungsarbeit, den gesellschaftlichen Dialog und Diskurs zu führen und zu fördern. Als wir Anfang des Jahres in die veränderte, größere Referatsstruktur gewechselt haben, war es uns ein besonderes Anliegen, den Neujahrsempfang weiter zu führen.“

Der Landeskirchenrat und Schul-Experte der Evangelischen Kirche im Rheinland, Eckhard Langner, dankte in seinem Grußwort den vielen versammelten Religionslehrerinnen und -lehrern für ihr Engagement. „Ich möchte Ihnen im Namen der Evangelischen Kirche im Rheinland sehr herzlich danken für Ihren Dienst in der Bildungs- und Erziehungsarbeit, als staatliche oder kirchliche Lehrkräfte, im Haupt- oder Nebenamt, in der Schule und außerhalb der Schule, im Religionsunterricht, in den Kindertagesstätten, in der Konfirmanden- und Jugendarbeit sowie den vielen Formen der Erwachsenen- und Familienbildung – und in vielfältiger Weise auch ehrenamtlich darüber hinaus. Ohne Ihr Engagement und ohne Ihre je eigenen Akzente darin wäre jede Rede von einer Bildungsmitverantwortung der Kirche eine kühne These und ein ungedeckter Scheck.“

Die Präsidentin der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), der zentralen Schul- und Verwaltungsbehörde des Landes Rheinland-Pfalz, Dagmar Barzen, referierte den Stand der Schulreform im Bundesland: „Unser Schulsystem im Lande ist in Bewegung geraten. Nirgendwo gibt es mehr Ganztagsschulen als in Rheinland-Pfalz. Anders als in Hamburg ist die Schulreform in Rheinland-Pfalz behutsam und erfolgreich umgesetzt worden.“ Statt der Hauptschule sei die Realschule Plus entstanden, auf der man gezielt auf einen Lehrberuf vorbereitet werde, so die Direktorin weiter. „Um die Klassenstärken auf 24 Kinder zu konzentrieren, wurden 1.000 neue Lehrer eingestellt. Die verkürzte Schulzeit, das umstrittene G8-Abitur, darf man in Rheinland-Pfalz nur an Ganztagsschulen machen“, erläuterte Barzen.

Musikalisch bereicherte Kantor Martin Bambauer die Veranstaltung an der Orgel. (red/et)

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