Mord in Trance? – Aufklärung der Tatumstände weiter unklar

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TRIER. Heimtückisch und aus Habgier soll im Januar ein 33-jähriger Koch seine sechs Jahre jüngere Lebensgefährtin Birgit S. in der Nähe von Wittlich getötet haben. Der zweite Verhandlungstermin vor dem Landgericht Trier brachte gerichtsmedizinische und psychologische Gutachten – aber keine definitive Klarheit hinsichtlich der Tatumstände.

Der Prozesstag begann mit Auszügen aus einem Dialog via Facebook, wie er vielleicht millionenfach zwischen jungen Leuten in Deutschland täglich vorkommt: von „hab dich lieb“ bis „du Miststück!“, die Achterbahn einer etwas unreif erscheinenden Liebesbeziehung. Doch drei Tage nach dem letzten Eintrag lag die junge Frau Birgit S. gefesselt, erwürgt und erdrosselt in ihrem Bett, weitere drei Tage später befand sich der junge Mann Stefan M. in Handschellen, angeblich ohne Erinnerung an eine Tat im Drogenrausch. Er war der Polizei kein Unbekannter: Der gebürtige Saarländer und gelernte Koch wies eine lange Liste an strafrechtlich relevanten Einträgen auf, vom Diebstahl über die Verletzung der Unterhaltspflicht für seine uneheliche Tochter bis zum Fahren ohne Führerschein, von der Körperverletzung bis zur Vortäuschung einer Straftat.

Klar wurde beim Verlesen des psychologischen Gutachtens auch, dass die Haltlosigkeit des jungen Mannes mit beruflicher Überforderung, Schuldenanhäufung und langjährigem Rauschmittelkonsum einherging und einen Höhepunkt in einem Suizidversuch fand. Umso mehr wollte er mit Birgit S. eine heile Welt – sogar eine Familie gründen und auch beruflich neu durchstarten. Stattdessen tötete er sie, versiegelte den Raum mit der Leiche mit Silikon und hob bereits kurz nach der Tat mehrfach Geldbeträge vom Konto der Toten ab. Der Tathergang konnte so genau rekonstruiert werden, dass keine Zweifel an M.s Täterschaft bestehen. Das gerichtsmedizinische Gutachten legte minutiös dar, wie qualvoll das Opfer starb und wie lange der Todeskampf der Bewusstlosen dauerte.

Als Birgit S. aufgefunden wurde, war ihr Leichnam bereits teilweise verwest, dennoch konnte die Obduktion klarstellen, dass es beispielsweise keine Abwehrverletzungen gegen das Messer gab, mit dem ihr neben den Folgen des Würgens und Drosselns weitere Verletzungen im Halsbereich zugefügt worden waren. Unklar bleibt bislang, ob der Mord bewusst, heimtückisch und aus den niedrigen Motiven der Habgier geschah, oder ob so genannte „legal highs“ eine Trance bewirkt haben könnten, in welcher Stefan M. zum unmittelbaren Tatzeitpunkt möglicherweise unzurechnungsfähig war. „Legal highs“ sind im Internet kaufbare Kräutermischungen, deren toxische und berauschende Wirkung bislang nicht ausreichend erforscht sind, als dass man halbwegs zuverlässig angeben könnte, ab welcher Menge welche Bewusstseinsveränderung eintritt. Klar ist nur, dass die synthetischen Zusätze dieser Mischungen psychoaktive Effekte haben und mit Cannabiskonsum vergleichbar sind.

Die Tatsache, dass Stefan M. bereits unmittelbar nach dem Mord von Überwachungskameras bei Geldabhebungen gefilmt wurde, lässt vermuten, dass der „unkontrollierbare Trancezustand“, auf den er sich beruft, vom Gericht zu hinterfragen sein wird. Der Angeklagte habe sich bei der Familie des Tatopfers entschuldigt und bedauert, was die Drogen aus ihm gemacht haben, ließ das Gericht in einer Pressemitteilung verlautbaren. „Ob diese Erklärung als Geständnis zu qualifizieren ist, bleibt der Urteilsbegründung vorbehalten.“ Mindestens ein weiterer Hauptverhandlungstermin wird stattfinden, bis das Gericht zu einem Urteil kommt. (ak)

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