Wochenchronik: Vorsicht, spitze Feder – nicht jugendfrei!

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    TRIER. Ganz viele „Puffs“ – falsche und echte. Ganz viele Flaschen – dicke und dünne. Ein Fußballverein als Sammelbecken des Prekariats. Und der neue deutsche Patriotismus, der in Wahrheit ein Nationalismus ist. Viel Stoff für die Wochenchronik – diesmal nicht ganz jugendfrei. Von Eric Thielen

    Da haben wir also eine Menge „Puffs“ diese Woche. Auf der Bitburger ist jetzt Ruhe im „Puff“, pardon, mit den „Puffs“. Damit sind natürlich nicht die käuflichen Damen des horizontalen Gewerbes gemeint, die ihre Dienste gewöhnlich auf halbem Weg nach oben rechts auf dem kleinen Parkplatz in einem quietschenden und ruckelnden Wohnmobil anbieten. Apropos: Deren Einkünfte dürften aktuell auch gegen Null tendieren. Wo kein Verkehr, da eben kein Verkehr. So einfach ist das.

    Hier geht es um jene „Puffs“, die sich dreimal im Felsen der Bitburger ereignet haben. Ich bitte Sie, nein, nicht etwas das, was Sie jetzt denken. Sprengungen waren es, schön vorsichtig, elektronisch (oha!) ausgelöst und mit entsprechendem Schutz versehen. Schutz? Nein, kein Ganzkörperkondom für die Sprengmeister. Auch keines für den großen Felsen. Die Wand sollte die Eruption aufhalten. Hat sie ja dann auch. Saubere Arbeit, meine Herren vom Sprengkommando. Damen waren ja meines Wissens nach nicht dabei. Wäre dann ja auch bei all den „Puffs“ etwas gewagt gewesen. Man weiß ja nie.

    Herausgerutscht ist der Ausdruck übrigens Tiefbauamtschef Wolfgang van Bellen. Bei der letzten Anliegerversammlung war es, als er nach der Lautstärke der Detonation gefragt wurde. „Puff“ mache das nur. Schwupps, da war’s heraus. Es gibt Schlimmeres. Trösten Sie sich, Herr Bellen, kann jedem passieren, so ein „Puff“.

    * * *

    Was mir ja überhaupt nicht in den Kopf will, ist die Sache mit den, nein, nicht Puffs, mit den Flaschen. Klar, von denen gibt’s in den Puffs auch einige. Davon ist aber nicht die Rede. Die Flaschen beim Altstadtfest haben es mir angetan. Nein, auch nicht richtig. Sie haben mich geärgert – sehr geärgert. Sinn und Zweck der Absperrungen rund um das Halligalli im Trierer Wohnzimmer ist es also, die Flaschen – kleine, große, dicke, dünne – draußen zu halten. Gut so weit. Verstanden. Weil die meist mit Alkohol gefüllt sind, haben sie auf der Feiermeile zwischen Porta und Viehmarkt nichts zu suchen. Auch gut. Ebenfalls verstanden.

    Was ich aber nicht verstehe, ist, dass sich die Flaschen dann zu Bergen vor den Absperrungsgittern türmen. Dass Minderjährige erst die Pulle auf ex aussaufen, oft noch vor den Augen der Sicherheitskräfte, und dann die Absperrungen dennoch passieren dürfen. Dass ich dann doch Teenies begegne, die krakeelend mit den Alkflaschen in der Hand vom Dom zum Hauptmarkt ziehen. Irgendetwas stimmt doch an diesem Konzept nicht. Oder liege ich da so falsch? Mal abgesehen davon, dass es heute anscheinend zum guten Ton gehört, mit Hochprozentigem oder Dosen oder Flachmännern durch die Straßen zu ziehen.

    Mein Gott, wir hätten uns in diesem Alter geschämt wie die Bettnässer. Obwohl wir in unserer Sturm-und-Drang-Phase dem Alkohol natürlich auch nicht abgeneigt waren. Irgendetwas ist in diesem Land schwer verrutscht. In der Erziehung, in der Gesellschaft, und ich weiß nicht, wo noch sonst. Keine Eier in der Hose, wenn es um Gesellschafts- und Systemkritik geht, mit der Deutschlandfahne um den Arsch als Röckchen herumlaufen, aber den dicken Maxe mit der Pulle in der Hand markieren. Die Generation der Teens und Twens ist eine Ausfallgeneration. Wie schrieb Der Spiegel unlängst: Noch nie habe es eine angepasstere und unkritischere Generation als jene der jetzt 15- bis 30-Jährigen gegeben. Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer der Pulle, die man fürs Groß-und-Starksein braucht. Wenn schon keine Eier da sind…

    Ein kleines Postskriptum noch: Die Arbeit der Mitarbeiter der Stadtreinigung ist gar nicht hoch genug zu bewerten. Sie stehen ganz am Ende der Nahrungskette. Soll heißen: Sie müssen den ganzen Mist, pardon, Müll ausbaden. Da kann das Dankeschön auch von dieser Stelle aus nicht groß genug sein.

    * * *

    Doch zurück zu unseren geliebten „Puffs“ – diesmal zu den echten. Wobei: Gibt es auch falsche Puffs? Peepshows vielleicht mit laufenden oder starren Bildchen. Sei es, wie es sei. Rosis Kolleginnen sollen jetzt zahlen. Rosi? Sie erinnern sich doch bestimmt: „Nix los im Sperrbezirk“ und dann auch noch „Skandal um Rosi“. Genau, die „Spider Murphy Gang“. Lang, lang ist’s her. Am ältesten Gewerbe der Welt hat sich allerdings kaum etwas geändert. Wie auch? Die biologischen Gegebenheiten sind ja schon seit Adam und Eva im Trieb verankert.

    Die Zeiten aber haben sich geändert. Was früher verpönt war, und worüber man nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt hat, ist heute fast schon gesellschaftsfähig. Warum also sollte die klamme Stadt nicht von den üppigen Einnahmen der käuflichen Liebe profitieren? Die Antwort ist ganz einfach: Weil es gewisse ethische Grundsätze gibt, die auch mit einem Vorbildcharakter zu tun haben. Und das hat nun wahrlich nichts mit dem Sex zu tun oder mit Prüderie. Katrin Werner von der Linke und Corinna Rüffer von den Grünen haben das bereits am Donnerstagabend in der Stadtratssitzung formuliert. Und sie lagen beide richtig, weil sie weiter dachten als bis zum eigenen Geldbeutel.

    Nach wie vor ist es so, dass viele Frauen, junge zumal, zu dieser Art Arbeit gezwungen werden. Schlepperbanden und die organisierte Kriminalität locken Frauen aus Osteuropa oder Asien oder Afrika hierher. Wer dann nicht spurt, bekommt die Knute. Die Stadt profitiert also nicht nur von den Einnahmen, sie unterstützt damit auch das System an sich – und macht sich so zum Handlager, weil kriminelle Praktiken somit in gewisser Weise legalisiert werden. Bei allem Verständnis für die Nöte des städtischen Kämmerers: Geld ist nicht alles. Es gibt auch noch andere Werte. Und auf die muss gerade die öffentliche Hand schauen. Weil sie auch Vorbild sein muss.

    Noch ein kleines Postskriptum: Warum muss eigentlich alles in diesem furchtbaren Beamtendeutsch verklausuliert werden. „Pro Veranstaltungstag“ sollen die Damen zahlen. Heilig’s Blechle, man muss ja nicht gleich formulieren: Wenn ihr bumst, wollen wir die Kohle. Aber etwas mehr normales Deutsch wäre doch möglich. Oder?

    * * *

    Natürlich darf auch unser aller Fußballverein nicht fehlen. Nein, geschrieben wird nicht vom FSV Trier-Tarforst. Noch nicht. Aber was nicht ist, kann kann ja noch werden, liebe Tarforster. Eintracht Trier ist wieder mal in aller Munde, nicht rühmlich, sondern unrühmlich. Wie so oft leider. Es gab glorreiche Zeiten in der nunmehr 107-jährigen Klubgeschichte. Es gab schlechte Zeiten, und es gab durchwachsene. Immer aber hatte sich der Verein ein gewisses Niveau bewahrt. Mal höher, mal niedriger. Das gehört dazu, das ist normal.

    Unter der Ägide des großen Vorstandssprechers aus Schweich aber hat sich der Verein in den letzten Jahren zu einem Sammelbecken des Prekariats entwickelt. Der Ton und die Art sind entsprechend. Da kommt es auch schon vor, dass Ernst Wilhelmi quer über den Vorplatz des VIP-Zeltes Journalisten anbrüllt und herumkrakeelt. Sätze wie „Ihr schreibt doch seit Jahren nur Scheißdreck“ sind da keine Seltenheit. Da kommt es aber auch vor, dass der Fanbeauftragte des Klubs im VIP-Zelt handgreiflich werden will. Natürlich sitzen Wilhelmi und Kollegen dann tatenlos daneben. Denn das ist ihre Welt.

    Die großen Sponsoren, die dem Verein aus regionaler Verbundenheit nach wie vor die Stange halten, rümpfen längst die Nase, sobald der Name „Eintracht Trier“ fällt. Sie machen nur noch gute Miene zum bösen Spiel. Und die Stadt Trier unterstützt den Verein weiter mit Bürgschaften – wie beim Kredit der Sparkasse an den Klub. Ex-Spieler Oliver Stang hat es erst jüngst auf den Punkt gebracht: „In so einem Verein kann man sich nicht wohlfühlen.“ Wie wahr, wie wahr.

    * * *

    Zu guter Letzt, aber beileibe nicht das Letzte im wertenden Sinne – ganz im Gegenteil. Ein herausragender, nachhaltiger und lesenswerter Artikel der Kollegen von der Süddeutschen zum neuen deutschen Nationalismus/Patriotismus bei Fußballspielen und anderen Großveranstaltungen: „Party-Patriotismus ist Nationalismus“. Im Ukrainischen Lemberg wurde die Reichskriegsflagge gehisst – untermalt vom dümmlich-stupiden „Sieg Sieg“. Aber lesen Sie selbst – und bitte bis zum Ende. Es lohnt sich. Denn auch das hat etwas mit der oben bereits angesprochenen unkritischen Generation zu tun. Und um bei unserem Roten Faden der Chronik zu bleiben: Was ist mir das schwarz-rot-senfe „Schland“-Gestöhne zwischen Porta und Viehmarkt in den letzten Wochen auf die Eier gegangen.

    Ich persönlich bin jedenfalls froh, dass das seit gestern Abend vorbei ist.

    Ein schönes Wochenende!

    12 KOMMENTARE

    1. @steff :was meinen sie denn konkret mit früher? das er mit der“ unkritischen bevölkerung“recht hat sieht man an ihren kommentar.

    2. Frage an die Redaktion: Ist das hier eigentlich eine Eric Thielen Gedächtnisseite? Nichts gegen die Beiträge von Herrn Thielen, die ich sehr schätze, aber die neue Seite wirkt doch sehr einseitig.

    3. zu #9 Franz

      Das ist natürlich nicht so. Beim Start eines neuen Projektes (nun seit vier Wochen) ist es aber so, dass es schwierig ist, in der Region Trier qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen.

      Dies liegt vor allem daran, dass der Platzhirsch aus der Hanns-Martin-Schleyer-Straße einen Markt für freie – und ausgebildete – Journalisten durch eine rigide Personalpolitik und zusätzliches Honorardumping praktisch nicht zulässt. In dieser Hinsicht ist die Trierer Region leider ein Entwicklungsgebiet – bedingt in erster Linie durch den Einfluss des Monopolisten.

      Redaktion lokalo.de

    4. @Redaktion Wie wäre es denn wenn ihr genau das mal zum Thema macht,,, würde bestimmt viele intressieren. Oder ist es dann doch so das eine Krähe der anderen kein Auge aushakt?

    5. Mir fallen da noch ein paar mehr Sachen ein warum Trier Entwicklungsgebiet ist. Zum Beispiel das fehlende Verkehrskonzept und noch so einiges mehr.

    6. die Krähe würde sich in dem Fall selbst ein Auge aushacken: Einer der beiden Lokalo-„Chefredakteure“ steht schließlich auch auf der (angeblichen) Dumpinglohnliste des Platzhirschs.

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