Das Gedächtnis bleibt erhalten – Stadtbibliothek schafft Platz für Neuzugänge

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Bewahrer. Bibliotheksdirektor Professor Michael Embach (l.) und Archivleiter Bernhard Simon trennen sich von 30.000 Zeitschriften, der „Deutsch-Amerikanischen Bibliothek“ und der „Deutsch-Französischen Bibliothek“ um Platz und Geld zu sparen. Der Landesrechnungshof hatte in seinem Bericht Einsparungen gefordert. Foto: Presseamt/em

TRIER. Die Stadtbibliothek in der Weberbach wird rund 30.000 Zeitschriften aus ihrem Bestand aussondern. Damit werden dort rund 1300 Regalmeter frei, was ungefähr dem Platzbedarf für die Neuzugänge der nächsten zehn Jahre entspricht.

Einer entsprechenden Vorlage stimmte der Stadtrat in seiner Sitzung am 21. März mit großer Mehrheit zu. Gründe für diesen Schritt sind akuter Platzmangel und Forderungen des Landesrechnungshofes. „Unsere Platzreserven in der Weberbach sind vollständig erschöpft“, begründet Professor Michael Embach, Leiter der Stadtbibliothek und des Stadtarchivs, den ungewöhnlichen Schritt.

Bibliothek platzt aus allen Nähten

Und auch die Ausweichmagazine an verschiedenen Stellen der Stadt sind vollständig belegt, wie Archivleiter Bernhard Simon betont, „da besteht dringender Handlungsbedarf, damit wir unserer Pflicht weiterhin nachkommen können“. Eine komplette Digitalisierung von Archivbeständen sei derzeit noch kein Weg aus der Raumnot. „Das geht derzeit schon rein rechtlich nicht, wir müssen die Archivalien in der Form aufbewahren, in der sie erstellt wurden“, erklärt Simon, warum man sich dafür entschieden habe, sich von Regalen voller Zeitschriften zu trennen. Ebenfalls wolle man sich von der eingelagerten „Deutsch-Amerikanischen Bibliothek“ sowie der „Deutsch-Französischen Bibliothek“ trennen, um Platz und Geld zu sparen.

Damit erfüllen Stadtbibliothek und -archiv auch Forderungen des Landesrechnungshofes Rheinland-Pfalz. Der hatte umfangreiche Aussonderungen des Buchbestandes gefordert – von den 450.000 Büchern der seit Ende des 18. Jahrhunderts bestehenden Stadtbibliothek sollten nach dem Willen des obersten Organs der Finanzkontrolle in Rheinland-Pfalz 290.000 Exemplare abgestoßen werden. „Das hätte die gesamte Literatur von 1848 bis hin zu den beiden Weltkriegen und dem Holocaust betroffen“, erklärt Embach, darunter die Erstausgabe von Karl Marx‘ Kapital. Aber auch bedeutende Werke der Romantik oder einmalige Spezialsammlungen hätte man „abgeben, verkaufen oder vernichten“ müssen. Für Embach und Simon undenkbar. „Wir hätten unvorstellbare kulturelle Werte abgewickelt, die vorangegangene Generationen für uns unter ungleich schwierigeren Rahmenbedingungen bewahrt haben, selbst in Krisen-, Not-, und Kriegszeiten“, betont Simon und unterstreicht die Aufgabe der Bibliothek und des Archivs für das kulturelle Leben in der Stadt und auch die politische Bildung: „Wir sind das Gedächtnis einer alten Kulturstadt“. Embach ergänzt: „Dieser Vorschlag war für uns existenzbedrohend, deswegen haben wir nach einem gangbaren Weg als Alternative gesucht. Und haben ihn gefunden.“

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