Fliegende Fichten, gehäkelte Elche: „Weltmeisterschaft“ im Christbaumwerfen

Wenn in der Nähe von Kaiserslautern die Nadelgewächse fliegen, wird wieder die «Weltmeisterschaft» im Christbaumwerfen ausgetragen. Die alljährliche Gaudi gilt längst als Kult. Ungewöhnlich sind auch die Preise: gehäkelte Elche.

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Die Weltmeisterschaft im Weihnachtsbaumwurf in Weidenthal. Foto: Oliver Dietze/dpa-Archiv

WEIDENTHAL/KAISERSLAUTERN. Einmal im Jahr feiert das pfälzische Walddorf Weidenthal euphorisch eine Art Super Bowl im Christbaumwerfen. Dann verfolgen Hunderte Zuschauer aus Nah und Fern im Südwesten Deutschlands, wie Männer und Frauen trotz Kälte und Feuchtigkeit Fichten über den Sportplatz schleudern – bei der «Weltmeisterschaft» im Weihnachtsbaumwerfen.

«Unsere WM besitzt weltweit ein Alleinstellungsmerkmal», meint Organisator Herbert Laubscher stolz. «Es gibt kein ähnliches Event dieser Größenordnung.»

Auch wenn der Vergleich mit dem Super-Bowl-Finale im American Football übertrieben ist, es sich um keine echte Weltmeisterschaft handelt und das Nadelgewächs längst auch anderswo in Deutschland über Plätze gepfeffert wird: Weidenthal gilt als das Original – auch, weil sich die Kontrahenten hier in drei Kategorien messen. Die Teilnehmer müssen eine etwa 1,50 Meter große Fichte wie einen Speer werfen, wie einen Hammer schleudern und über eine Hochsprunglatte jagen. Die Höhe bestimmen sie selbst. Die Einzelwerte werden addiert – wer auf den größten Gesamtwert kommt, gewinnt.

«Jeder muss da seine eigene Technik finden», sagt der Star der Szene, Frank Schwender. «Wenn der Baum falsch geworfen wird, bläht er sich auf und fällt schnell», meint der Verkaufsleiter aus dem Nachbarort Franckeneck. Schwender ist nicht nur fünffacher Turniersieger, sondern hält mit 25,01 Metern auch den – freilich inoffiziellen – Weltrekord. Sein Erfolgsrezept? «Drei Glühwein, dann ist der Körper bereit. Das ist erlaubtes Doping», sagt der 54-Jährige und lacht.

An diesem trüben Januarsonntag trägt der örtliche Fußballclub Wacker das Fichten-Festival schon zum 13. Mal aus. «Im vergangenen Jahr waren 66 Herren und 41 Damen dabei, das war Rekord», erzählt Laubscher. Die aktuelle Teilnehmer-Zahl weiß er zunächst nicht. Die «Gaudiveranstaltung», wie Schwender die WM nennt, wurde mit den Jahren immer größer – und augenzwinkernd beantragte der Verein 2017 die Aufnahme des Weihnachtsbaumwerfens in das Olympische Programm. Höflich, aber bestimmt lehnte das Internationale Olympische Komitee (IOC) ab. Die Regeln, hieß es, seien dann doch zu unterschiedlich.

Um bereits benutzte Christbäume handelt es sich bei den Sportgeräten übrigens nicht. «Sie stammen aus dem Gemeindewald und werden am Tag vor der WM geschlagen», erzählt Laubscher. «Echte gebrauchte Weihnachtsbäume können wir nicht verwenden, da sie ausgetrocknet sind, ihre Nadeln schnell verlieren und auch die Zweige leichter brechen würden.» Und wie ist das mit der Vorbereitung? «Ich bezweifle, dass jemand das trainiert», sagt Champion Schwender. «Man kann ja schlecht den Christbaum zur Übung durchs Wohnzimmer werfen.»

Auch beim Turnier-Jahrgang 2019 sind wieder zahlreiche Frauen am Start, darunter Titelverteidigerin Alexandra Köpper aus Römerberg. Mit 15,95 Metern hält die Leiterin einer Kinderbetreuungseinrichtung die Bestmarke. Eine Siegerstatue hat sie bereits zuhause: eine Elchfigur aus Holz. Im Jahr zuvor gab es Elche aus Blech. «Das wechselt», sagt Laubscher. Diesmal erhalten die Sieger gehäkelte Elche in drei Größen. «Die sind toll und in Handarbeit hergestellt.»

Allerdings habe sich die WM seit der Premiere verändert, erzählt Rekordweltmeister Schwender. «Einige nehmen das mittlerweile richtig ernst und betreiben auch Psychospielchen. Manche sagen zu mir «Dieses Jahr bist du fällig» – aber dann gewinne ich doch wieder», meint er mit scherzhaftem Unterton. «Die meisten sind aber nicht verbissen.»

Die Idee hatten nach Laubschers Angaben ehemalige Fußballer von Wacker, inspiriert von der Aktion einer schwedischen Möbelkette. Diese lädt demnach seit mehr als zehn Jahren zum Weihnachtsbaumwerfen ein. Das habe man zum Dreikampf ausgebaut, sagt Laubscher. Um dem Klamauk weiteres Gewicht zu verleihen, wurde er zur WM erklärt.

Seitdem ist das Fichten-Spektakel ein Bestandteil des sogenannten Knutfests, das der Verein jetzt schon zum 17. Mal feiert – angelehnt an das Knutfest in Schweden zum Ende der Weihnachtszeit. Dabei sind die Menschen in Weidenthal eingeladen, ihre ausgedienten Christbäume mitzubringen, um sie auf einem großen Haufen zu verbrennen. Wer einen Baum bringe, erhalte «einen Glühwein für umme», sagt Laubscher. In den vergangenen Jahren wurden jedes Mal knapp 100 Bäume verbrannt.

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