„Ich habe keinen Fernseher“ – Donna Leon im Gespräch

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BITBURG. Es gibt sie nur im Zweierpack: Die amerikanische Schriftstellerin Donna Leon und den ihrer Phantasie entsprungenen Kommissar Guido Brunetti. Rund 800 Literaturfans waren in die ausverkaufte Bitburger Stadthalle gekommen, um Donna Leon beim 10. Eifel-Literatur-Festival zu lauschen, zu dem sie vom Vorsitzenden Dr. Josef Zierden und Stadtbürgermeister Joachim Kandels eingeladen worden war. Im Anschluss an ihre Lesung hatte Tamara Petri die Gelegenheit, für lokalo ein Interview mit der Schriftstellerin zu führen.

Viele deutsche Touristen besuchen Venedig, nicht nur der Liebe, der Rialtobrücke, oder der Wasserstraßen wegen. Sie reisen auch an, um auf den Spuren Brunettis zu wandeln. Kennen Sie die Eifel nur vom Hörensagen?

Leon: Nein, ich arbeitete vor 30 Jahren in Spangdahlem als Lehrerin.

Sie treten mit Pegah Ferydoni zum Zweisprachenvortrag auf, wieso? (Anm. d. Red.: Ferydoni gebürtige Iranerin, lebt in Berlin und ist mit der Autorin seit drei Jahren befreundet. Ferydoni moderiert den ZDF-Kulturpalast).

Leon: Ich denke, spreche und schreibe meine Krimis in englischer Sprache, trage sie aber auch in meiner Landessprache vor. Damit die alle Zuhörer alles verstehen, lesen Pegah und ich abwechselnd einzelne Passagen aus meinem neuesten Werk in deutscher und englischer Sprache vor.

Ihr erster Roman heißt „Eine Amerikanerin in Venedig“. Wann haben Sie sich in die Lagunenstadt verliebt?

Leon: 1968, als ich zum ersten Mal dort war.

Sie veröffentlichen seit 1992 jährlich einen Brunetti-Krimi. Ihren charmanter Commissario und seine Fälle haben die Deutschen in ihr Herz geschlossen, wie erklären Sie sich diesen grandiosen Erfolg?

Leon: Meine Krimis bestehen aus allen Facetten des Lebens. Brunetti ist mein indirektes Megafon, er blickt, wie ich, gerne auf die Charaktere der Opfer. Ich glaube, dies ist der Grund, weshalb er hier so gerne gelesen oder gesehen wird.

Gibt es für Commissario Brunetti ein Vorbild?

Leon: Ja, sogar im wirklichen Leben. Ich habe vor vielen Jahren einen Polizisten kennengelernt. Er zählte mir die fünf wichtigsten Charaktere eines Kommissars auf: Einwandfreier Lebenswandel, abgeschlossenes Studium und Ausbildung, gute Bildung, intakte Familie und gesellschaftliche Anerkennung.

Die ARD hat bereits 18 Ihrer Brunetti-Krimis verfilmt, schauen Sie die Verfilmungen selbst an?

Leon: Nein, ich habe bisher keine Möglichkeit gehabt, da ich keinen Fernseher besitze, weil ich wegen meiner Arbeit einfach keine Zeit dazu hätte, mir etwas anzusehen.

Sie schreiben über Italiener aus Venedig, der Stadt der Liebe, des Karnevals und des Mordes. Wieso dürfen Ihre weltbekannten Bücher nicht in Italien veröffentlicht werden?

Leon: Ich habe selbst darum gebeten, um meine schriftstellerische Authentizität nicht zu verlieren. Denn Italiener würden über das Buch sprechen, das Buch jedoch nicht lesen.

Sie analysieren und beurteilen mit ihren Figuren Themen, die Italien beschäftigen?

Leon: Ja, ich übernehme gerne Anregungen von Freunden und Bekannten, die sich mit aktuellen Themen beschäftigen. Wie jetzt zum Beispiel mit den Geschehnissen im Vatikan. Oder auch Berlusconi. Er war eine interessante Quelle, allein schon wegen seiner Sexeskapaden. Ich versuche Skandale, Korruption, Affären und vieles mehr mit Humor, Sarkasmus, Freundlichkeit und Seriosität in meinen fiktiven Krimis unterzubringen.

Brunetti hegt einen Gewissen Unmut, wenn nicht sogar Hass, gegen Süditaliener, wie kommt es dazu?

Leon: Ich gebe ihm einen Wiedererkennungswert, der unter anderem darin besteht, dass er grundsätzlich alles Unangenehme aus dem südlicheren Teil Italiens, Neapel und Sizilien, kommen sieht.

In Ihrem 20. Band „Reiches Erbe“ greifen Sie das Thema Erbschleicherei auf. Wie kam es dazu?

Leon: Vor einigen Jahren saß ich mit einem Freund zusammen, der mir eine haarsträubende, aber wahre Geschichte über Erbschleicherei in italienischen Altenwohnheimen erzählte. Da reifte der Stoff für einen neuen Fall in mir heran.

Ihre Krimis enden häufig mit nicht gefassten Tätern. Warum?

Leon: Ich versuche die Gedankenschritte meines Leserpublikums in mindestens zwei Richtungen zu drehen. So entsteht eine gewisse Sympathie für Gut und Böse. Deswegen bevorzuge ich offene Enden, die letztlich zumindest für Brunetti dennoch eine Lösung aufzeigen.

In Englisch ist bereits der 21. Brunetti-Krimi zu lesen. In welchem Zeitraum entstehen Ihre Romane.

Leon: Ein Jahr hat 365 Tage. Meine Seiten meistens auch. Jetzt können Sie schreiben pro Tag eine Seite, aber das stimmt nicht, ich benötige viel Ruhe, dann gelingt es mir manchmal 20 Seiten an einem Tag zu schreiben, meistens sind es jedoch weniger. Es kommt darauf an, wie meine Gedanken fließen.

Frau Leon, lokalo bedankt sich für das Gespräch.

 

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