Kirchenstudie zu Missbrauch: Viele Fälle an Mosel, Rhein und Saar

Erschüttert, erschreckt, beschämt - das sind die Kirchenoberen in den Bistümern in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Denn eine Studie belegt sexuellen Missbrauch und Vertuschung über Jahrzehnte.

2
Foto: dpa-Archiv

TRIER/MAINZ/SPEYER. Hunderte Kinder und Jugendliche sind nach Akten der katholischen Bistümer in Rheinland-Pfalz und im Saarland seit 1946 durch Geistliche sexuell missbraucht worden. In dem Skandal räumten die Bistümer Trier, Mainz, Speyer und Limburg Fehler ein.

Das System Kirche habe «massiv versagt», sagte Generalvikar Andreas Sturm in Speyer am Dienstag nach Vorstellung einer Studie im Auftrag der deutschen Bischöfe zum Missbrauch. Man habe «den Mantel des Schweigens» über die Taten von Priestern gedeckt, räumte Triers Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg ein. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf sagte, er stehe «vor Fragen, welche die Kirche als Institution betreffen und das kirchliche Selbstverständnis in Frage stellen».

Die wissenschaftliche bundesweite Studie brachte Zahlen aus den Bistümern ans Licht. Im Bistum Trier sind demnach in den Personalakten seit 1946 insgesamt 148 Priester wegen sexuellen Missbrauchs beschuldigt worden. Betroffen waren insgesamt 442 Opfer. Für das Bistum Speyer wurden laut Generalvikar Sturm 186 Betroffene festgestellt, beschuldigt würden 89 Priester. Im Bistum Mainz wurden laut Akten seit 1946 insgesamt 53 Geistliche des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Ihnen könnten 169 Opfer zugeordnet werden. Das Bistum Limburg zählte 85 Opfer bekannt gewordener Übergriffe und 92 Beschuldigte.

Nach Angaben des Trierer Generalvikars waren unter den 442 Opfern 252 männliche. Es gab demnach 54 staatliche und 67 kirchenrechtliche Verfahren. Von den staatlichen Verfahren wurde fast die Hälfte (25) eingestellt. In 16 Fällen sei es zu Freiheitsstrafen gekommen, bei drei Fällen gab es Geldstrafen. Sechs Priester wurden aus dem Klerikerstand entlassen. «Es gibt kirchlicherseits in diesem Zusammenhang nichts zu beschönigen oder zu beschwichtigen», sagte er.

Zudem meldeten sich seit 2010 insgesamt 140 Opfer beim Bistum Trier, die 75 Priester beschuldigten. Diese Zahlen flossen nicht in die Studie ein. Das Bistum bewilligte 96 von 104 Anträgen auf Zahlungen wegen erlittenen Leides. Gezahlt wurden 475 500 Euro. Zum Bistum Trier gehören knapp 1,4 Millionen Katholiken in Rheinland-Pfalz und im Saarland.

Im Bistum Speyer waren Generalvikar Sturm zufolge 98 männliche und 88 weibliche Kinder und Jugendliche betroffen. Erfasst worden seien Taten «bis hin zur Vergewaltigung». In elf von 23 strafrechtlichen Verfahren sei es zu Verurteilungen gekommen. «In 19 Fällen hat das Bistum Speyer insgesamt 139 000 Euro an Betroffene gezahlt», sagte Sturm. Fast alle Täter seien mittlerweile gestorben. Es gelte nun, die Prävention auszubauen.

«Wir kommen auch an der Frage nicht vorbei, Frauen stärker in der Kirche einzubinden», sagte Sturm. Auch über den Zölibat (die Ehelosigkeit des Priesters) müsse «ehrlich und ohne Denkverbote» gesprochen werden. Das zutage getretene Ausmaß des Missbrauchs «hätte ich nie für möglich gehalten». «Die Hütte brennt. Der Begriff Wendepunkt darf kein leerer Begriff sein.» Die Diözese Speyer umfasst die Pfalz und den Saarpfalz-Kreis im Saarland mit rund 530 000 Katholiken.

Im Bistum Mainz wurden laut Akten 122 männliche und 47 weibliche Opfer erfasst. Die früheste registrierte Missbrauchstat datiere aus dem Jahr 1931, die letzte von 2010. Für die Studie der Deutschen Bischofskonferenz wurden Akten von 1946 bis Sommer 2017 gesichtet. Das Bistum liegt zum Großteil in Hessen, zum kleineren Teil in Rheinland-Pfalz.

Den Angaben zufolge wurden seit den 1940er Jahren 18 Gerichtsverfahren gegen Mitarbeiter des Bistums Mainz geführt – Priester, Diakone und Laien. Vier Haftstrafen wurden verhängt, drei Freisprüche gab es. In den restlichen Fällen habe es Bewährungs- oder Geldstrafen gegeben. Kirchenrechtlich liefen seit 2001 fünf Verfahren. In einem Verfahren sei der Betroffene aus der Kirche ausgeschlossen worden, eines laufe noch, der Rest endete laut Bistum mit geringeren Strafen und Auflagen.

Von Opfern seien bisher 52 sogenannte Anträge auf Anerkennung erlittenen Leids gestellt worden, 47 wurden bewilligt. Gezahlt wurden an Opfer daraufhin insgesamt 275 000 Euro. Zudem wurden rund 93 000 Euro zur Übernahme von Therapiekosten für Betroffene gezahlt. Bischof Kohlgraf betonte, er bedaure das Leid der Opfer zutiefst. In den kommenden Wochen und Monaten wolle er mit ihnen das Gespräch suchen. «Vertuschung und Schutz der Institution darf es nicht geben. Das muss auch im Umgang mit den Tätern deutlich werden.»

Im Bistum Limburg sind unter den Beschuldigten sowohl Priester als auch Diakone und kirchliche Mitarbeiter, ein Teil davon gilt als überführt. Generalvikar Wolfgang Rösch bat die Opfer um Entschuldigung. «Die Studie zeigt uns, dass wir aus Sorge um das Ansehen der Kirche die Folgen des Missbrauchs und das Leid der Opfer nicht genug wahrgenommen haben.» Der kleinere Teil des Bistums liegt auf rheinland-pfälzischem Gebiet, der größere in Hessen.

Triers Bischof Stephan Ackermann, seit 2010 Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) für Fragen des sexuellen Missbrauchs, sagte in Fulda: «Ich habe das Ergebnis der vorliegenden Studie leider erwartet. Es erschreckt mich dennoch wieder neu.» Der Bericht ergab, dass bundesweit zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben sollen.

2010 war die katholische Kirche vom Skandal um jahrzehntelangen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen erschüttert worden. Die meisten Fälle lagen lange zurück – in den 1950er und 1960er Jahren – und sind häufig strafrechtlich verjährt. Die Bistümer gelobten Besserung: «Wir wollen uns dafür einsetzen, dass weder Missbrauch noch Vertuschung wieder passieren», sagte von Plettenberg in Trier.

Info:

Bistum Trier zu Beratungsangeboten für Opfer sexueller Gewalt

Forschungsprojekte zum sexuellen Missbrauch mit Verbindung zur Deutschen Bischofskonferenz

MHG-Studie

2 KOMMENTARE

  1. „Der Bericht ergab, dass bundesweit zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben sollen.“ Ja, das ist deutsche beschämende westliche Kultur!

  2. aus der Kirche austreten wäre ja mal was , da könnten sich die Pfaffen mal in der freien Marktwitschaft bewerben , bekommen sicher dann mal nen richtigen Job und nicht Wasser predigen und Wein saufen .
    Dieses verlogene Christentum ist doch das allerletzte und dann noch nicht mal vor einem Gericht belangen zu können verstehe ich nicht. Zeigefinger hoch , in ein anderes Bistum und weitermachen als wäre nichts gewesen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.