Mit dem Rad auf Welttournee – Stopp in Trier

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TRIER. Trier sollte für Lysanne Sansoucy und Louis-Philippe Gendron (beide 43 Jahre alt), ein Ehepaar aus Kanada, das extreme Radtouren unternimmt, nur eine Zwischenstation sein. Am Moselufer trafen sie zufällig auf den passionierten Handbiker Heribert Ferring und dessen Ehefrau Cornelia. Die Ferrings luden die beiden Weltenbummler spontan zu sich nach Hause ein. Erst zwei Tage später setzten die Kanadier dann ihre Reise fort. Zuvor traf Tamara Petri das Duo zu einem Interview für lokalo.

Sie sind seit 20 Jahren verheiratet. Was hat sie bewogen, für einen längeren Zeitraum alles stehen und liegen zu lassen?

Sansoucy: Wir sind kinderlos. Daher fiel die Entscheidung nicht schwer, uns diesen Traum zu erfüllen. Ich arbeitete bis 2010 als Verkaufsrepräsentantin und Louis als Generaldirektor mehrerer Seniorenwohnheime. Es war Zeit, dem Alltagstrott zu entfliehen.

Wann begannen Sie mit den Vorbereitungen für Ihre Tour?

Gendron: Das war 2007…

Sansoucy: Unser Leben nahm von da an andere Formen an. Als Erstes mussten wir sparen. Wir haben eines von zwei Autos verkauft. Wir verzichteten auch auf andere Annehmlichkeiten. Nach zwei Jahren hatten wir 50.000 Kanadische Dollar gespart.

Gendron: Als klar war, wann wir starten, haben wir unser Haus vom 1. September 2010 bis zum 30. August 2012 vermietet.

Werden am Ende der Tour alle Rücklagen aufgebraucht sein?

Sansoucy: Nein, denn es ist für uns wichtig, abgesichert zu sein. Wenn wir nach Hause kommen, wollen wir alles Erlebte in Ruhe verarbeiten können, ohne direkt wieder in den Alltag zu müssen.

Wie haben Sie die lange Reise vorbereitet?

Gendron: Zunächst galt es, das Klima der anderen Kontinente zu berücksichtigen. Dann haben wir das passende Equipment gesucht. Das war sehr zeitaufwändig, weil wir nach qualitativ gutem Material suchten. Schließlich müssen die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände zwei Jahre gebrauchsfähig bleiben.

Mit wie viel Gepäck sind Sie unterwegs?

Gendron: Jeder von uns beiden befördert jeweils 25 Kilogramm.

Von wo aus sind Sie gestartet?

Sansoucy: Wir sind zunächst von Montreal nach Paris geflogen. Dann sind wir mit den Rädern nach Versailles gefahren, weil dort Louis´ Bruder lebt, bei dem wir den ersten Stopp eingelegt haben.

Wie haben Sie ihre Übernachtungen organisiert? Gab es einen guten weltweit nutzbaren Internetanbieter?

Gendron: Alle weiteren Stationen haben wir über www.warmshower.com gebucht – ein wirklich sehr empfehlenswerter Service für Rucksack- und Radreisende. Wir haben auch gerne gezeltet.

Sind Sie wirklich durch alle Länder nur mit den Rädern gefahren, oder haben Sie auch andere Transportmittel genutzt?

Sansoucy: Zwei Jahre sind knapp, wenn man Europa und Asien bereist. Deshalb haben wir auch Flugzeuge, Bahnen, Fähren und Busse, in Anspruch genommen, um voranzukommen.

Wie viele Länder haben Sie bisher bereist? Wie viele Kilometer haben Sie dabei zurückgelegt?

Gendron: Bisher waren wir in 23 Ländern und sind ungefähr 25.000 Kilometer gefahren.

Gibt es ein Land, das Sie nicht mehr besuchen möchten?

Sansoucy: Ja, Vietnam. Dort hatten wir unsere schwerste Zeit. 20 Tage lang Monsun, also Dauerregen. Dazu kamen auch noch zwei Taifune die über unsere Köpfe hinwegfegten. Zudem ist Vietnam Touristen gegenüber wenig gastfreundlich.

Wo und wann wurde es besser?

Sansoucy: Gleich anschließend in Laos…

Gendron: Uns erwartete ein Unterschied wie Tag und Nacht. Herzlichkeit, Ruhe und viel Sonne. Laos wird nicht umsonst „Please don’t rush“ genannt (Anm. d. Red.: Frei übersetzt: „Nur keine Hektik“). In manchen Gegenden, wie in der Provinz Prangbang, fühlten wir uns 500 Jahre zurückversetzt: keine Autos, rundum Harmonie, fantastisch. Trotz der vorherrschenden Armut haben wir nur nette und freundliche Menschen getroffen.

Sansoucy: Von Laos ging es nach Thailand, die Hauptstadt Bangkok war zu dieser Zeit allerdings leider überflutet. Daher haben wir unsere Route geändert und sind ins 70 Kilometer entfernte Kambodscha gefahren. Flexibel zu sein, ist eine Grundvoraussetzung, wenn man eine solche Tour angeht.

Was waren Ihre schönsten Eindrücke?

Gendron: Istanbul hat uns am besten gefallen. Die Metropole am Bosporus präsentiert sich modern und kosmopolitisch. So weltoffen haben wir keine andere Stadt erlebt. Wir wurden mit Ausnahme von Vietnam überall mit offenen Armen empfangen. Die größte Überraschung erwartete uns im Iran. Soviel Menschlichkeit und Gastfreundschaft hätten wir nie erwartet. Wir haben dort kein Geld gebraucht, weil uns in Restaurants Speisen und Getränke von anderen Gästen bezahlt wurden. Man duldete nicht, dass wir selbst zahlen. Echt einmalig. Diese gastfreundlichen Menschen werden wir sehr vermissen. China war im Gegenteil zum Iran sehr verschlossen. Das einzige Land übrigens, in dem wir nie zelteten, sondern nur in Hotels übernachteten. Die Menschen waren neugierig, aber ihr Interesse schien mit viel Angst gepaart. Man hat nicht mit uns gesprochen, aber ständig fotografiert. Wir fühlten uns fast wie Außerirdische. Trotz der gefühlten Angst der Chinesen, mit einem Ausländer gesehen zu werden, hat es uns sehr gut gefallen.

Wie bleiben Sie in Verbindung mit Ihrer Familie und den Freunden?

Gendron: Mit unseren Tablets halten wir Familienkontakt über Skype und informieren Gleichgesinnte mit täglichen Blogeinträgen unter: www.on-roule-la-boule.blogspot.com

Worauf haben Sie sich am meisten bei der Rückkehr nach Europa gefreut?

Gendron: Allein schon auf das Essen. Wieder Käse schmecken zu können, war ein Gefühl wie im siebten Himmel.

War die Entscheidung, diese Tour zu machen, richtig?

Sansoucy: Absolut ja. Wir sind froh über das, was wir erlebt haben, und freuen uns auf das, was noch vor uns liegt. Erlebnisse, wie die spontane Gastfreundschaft der Ferrings bestätigen uns. Wir haben alles richtig gemacht. Wir haben viel aufgegeben, um dieses Abenteuer zu wagen, aber es hat sich gelohnt. Unsere Beziehung hat sich in jeglicher Hinsicht in diesen zwei Jahren weiter gefestigt. Es gibt nicht den geringsten Zweifel, dass wir uns aufeinander verlassen können.

Wohin geht die Reise jetzt?

Gendron: In die Schweiz. Wir werden mit den Rädern die Alpen überqueren.

Planen Sie einen weiteren Trip dieser Art?

Sansoucy und Gendron: Selbstverständlich, wir wissen nur noch nicht so genau wann, aber schon welche Kontinente dann besucht werden. Wir wollen Südamerika und nochmals Asien bereisen.

Frau Sansoucy, Herr Gendron, lokalo bedankt sich bei Ihnen für das Gespräch.

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