Lyrik-Forschungsprojekt an der Uni Trier: 5 Millionen Euro für Gedichte

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Feierlicher Eröffnungsabend von "Lyrik in Transition" an der Uni Trier.

TRIER. Satiriker Jan Böhmermann, Poetry-Slammerin Julia Engelmann und das Rapper-Duo Kollegah und Farid Bang haben eins gemeinsam: Sie haben ein Gedicht geschrieben und lösten damit eine Welle der Begeisterung beziehungsweise Empörung aus.

Entgegen des angestaubten Images des Wortes Lyrik, bewegen solche Kurztexte die Gemüter: Aktualität zeichnet das hochdotierte, geisteswissenschaftliche Forschungsprojekt „Russischsprachige Lyrik in Transition“ aus, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird und an der Universität Trier angesiedelt ist.

Böhmermanns Gedicht über den türkischen Staatspräsidenten Erdoğan bleibt in Teilen verboten, der YouTube-Clip mit dem Gedicht „One Day“ von Julia Engelmann hat über 11 Millionen Klicks, durch die Auszeichnung der antisemitischen Texte der Rapper Kollegah und Farid Bang gibt es den Musikpreis Echo nicht mehr. So löst Lyrik auch in Deutschland Skandale mit erheblicher gesellschaftlicher Reichweite aus.

Gedichte spielen in unserem Alltag eine Rolle und sind kein alter Hut von gestern. „Lyrik ist nicht mehr nur das, was man in der Schule gelernt hat, elitär, schwierig, abgehoben“, stellt Professorin Henrieke Stahl am Rednerpult des Audimax der Universität Trier fest. Für sie gilt: „Lyrik ist hautnah, sie berührt, aber sie verletzt auch, geht unter die Haut. Gerade in totalitären Staaten sind Gedichte eine künstlerische Ausdrucksform freier Gedanken“. Das fasziniert die Wissenschaftlerin als Leiterin des Forschungskollegs „Lyrik in Transition“ und damit erklärt sie den Forschungszweck am feierlichen Eröffnungsabend am vergangenen Donnerstag.

Die Bewilligung des Projekts erhielt die Gruppe schon vor einem Jahr – der Startschuss fiel zum 1. Oktober 2017. Das Team stürzte sich direkt in die Arbeit, schon im ersten halben Jahr des Projekts fanden Konferenzen in Moskau, Washington, Tokyo und Trier statt. Stahl hat ein Forschungsnetzwerk aufgebaut, dem sich inzwischen mehr als 200 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus 23 Ländern und mehr als zehn Fachgebieten angeschlossen haben.

Die Slavistin betritt damit Forschungsneuland, was die DFG erkannt hat, indem sie das Projekt mit 5 Millionen Euro unterstützt. Eine solche Kolleg-Forschungsgruppe ist eines der höchstdotierten und hochkompetitiven Programme der DFG und ging mit dem Lyrik-Kolleg zum ersten Mal nach Rheinland-Pfalz.

Für die Grußworte und Festrede reisten Wissenschaftsminister Konrad Wolf und Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum an. Konrad Wolf bezeichnete die Lyrik-Forschung als Leuchtturm der Universität Trier: „Das neue Forschungsnetzwerk ist ein einmaliges Zentrum für vergleichende Forschung zur Gegenwarts-Lyrik. Es ist ein wichtiger Beitrag zur Profilbildung der Universität Trier“.
Auch der ehemalige Amtsträger Gerhart Baum unterstrich in seiner Festrede im Audimax, dass die DFG in Zeiten des Umbruchs, in der sich die Welt befindet, ihr Geld genau richtig investiere.

Denn Umbrüche befördern Ängste, und leider schüren auch deutsche Politiker diese – trotz sich positiv entwickelnder Kriminalstatistik. Dem müsse man entgegenwirken: „Die Kreativen brauchen Freiräume, um die Zukunft neuzugestalten.“

Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Kollegs analysieren Lyrik und beobachten in ihr unsere Zeit. Aber sie sitzen nicht nur vor Texten, diskutieren auf internationalen Konferenzen darüber, sie treffen auch AutorInnen und arbeiten eng mit ihnen zusammen. Auch fördern sie den wissenschaftlichen Nachwuchs. Am Eröffnungsabend begleiteten gleich fünf Künstler aus Russland, Armenien, Japan und Deutschland die Reden, indem sie Gedichte vortrugen, die Zeilen mit Bewegungen und Jonglage interpretierten oder mit Videosequenzen unterstrichen.

Die Universität Trier ist jetzt Mittelpunkt internationaler Lyrik-Forschung. Federführend forschen hier Slavistin Henrieke Stahl und weitere ProfessorInnen aus allen modernen Philologien der Universität zur Lyrik der letzten 30 Jahre in Europa, Asien und Amerika. Universitätspräsident Michael Jäckel ist begeistert: „Die Forschungsgruppe ist einer der größten Erfolge der Trierer Geisteswissenschaft. Ich bin stolz, dass sie sich die Universität Trier als Standort ausgesucht hat.“

Von dem Forschungskolleg „Lyrik in Transition“ wird man spannende Gegenwartsanalysen erwarten können, von Fukushima-Gedichten bis zum Poetry War im Kontext des Ukraine-Russland-Konflikts. Als Seismograph für die Befindlichkeiten von Einzelnen und der Gesellschaft wird es Krisen und Potentiale deutlich machen. Im Fokus steht die Frage, wie Lyrik die Grenzen von Gattung, Sprache, Kultur und Gesellschaft verändert und wie sich diese Transformationsprozesse in der Lyrik in den verschiedenen Ländern Europas, Asiens und Amerikas vergleichen lassen. Schon jetzt steht für die Projektleiterin Henrieke Stahl fest: „Die Gattung erfindet sich neu. Lyrische Sprache ist poly- und sogar translingual sowie intermedial. Kulturen verbinden sich in Hybridformen im poetischen Text oder handeln ihre Grenzziehung neu darin aus.“

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