„Ich war Frank Sinatra zu ähnlich“

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WITTLICH. Eine kleine, aber feine Bühne für einen großen Künstler und seine instrumentalen Begleiter. Das Paul-Kuhn-Trio absolvierte einen Jazzabend der Extraklasse. Jazz begleitet den „Mann am Klavier“ sein ganzes Leben lang, er trägt ihn im Herzen. Bis heute füllt er große Hallen und kleine Konzertsäle. Vor über 300 Zuschauern im Hotel am Lindenhof in Wittlich gab der gebürtige Hesse Paul Kuhn seinen Zuhörern und -schauern die Möglichkeit, ihn in seinem Element zu beobachten.

Spätestens zu Beginn der ersten Pianoklänge war der durch Paul umgesetzte erfolgreiche Schlager von 1954 „Der Mann am Klavier“ in weite Ferne gerückt. Er präsentierte dem Publikum über zwei Stunden feinste Jazzklänge mit und ohne Gesang. Spielerisch schwebten seine Finger über die Klaviertastatur. Zusammen mit seinen im Hintergrund agierenden Bassisten Martin Gjakonovski und Drummer Gregor Beck ließ er ein zeitloses Jazzkonzert erklingen. Überraschungsgaststar war Solistin Gabi Goldberg. Die bekannte deutsche Jazzsängerin begleitet und begleitete neben Paul Kuhn, dem Altmeister des deutschen Jazz, viele andere weltbekannte Stars.

Für Gabi aus Rheinland Pfalz war es ein Heimspiel. Sie reißt mit Ihrer einzigartigen Stimme genauso die Zuhörer in ihren Bann wie Paul. Das Zwiegespräch, im Goldberg-Kuhn Duett gesungen, zeigt die absolute Größe der beiden Stars. Jung und Alt, auch gemeinsam sind sie starke Künstler. Trotz nachlassender Sehstärke und geschwächten Hörfähigkeit blieb der 84-jährige Brillenträger Kuhn humorvoll, ließ sich durch die altersbedingten „Störungen“ nicht irritieren. Seine Musik be- und ergreift jede Altersgruppe, ein gemischtes fasziniertes Publikum folgte den vergangenen und gegenwärtigen musikalischen Jazzeinlagen. Einer der letzten großen Dino-Entertainer, die noch auftreten, deren Musik hochgeschätzt wird. Dies bewies nicht zuletzt der langanhaltende Applaus der begeisterten Zuhörer.

 

Tamara Petri sprach in Wittlich mit Paul Kuhn.

Herr Kuhn, Sie begannen Ihre musikalischen Schritte mit dem Akkordeon. Ist das Akkordeon bis heute ein Wegbegleiter für Sie?

Kuhn: Akkordeon spielen war für mich ein erträglicher Einstieg. Ich konnte mit meiner Akkordeonmusik Geld verdienen, dies begann im Wiesbadener Weinlokal „Eimer“. Jedoch ist mein Interesse an diesem Instrument längst erloschen. Ebenso wie die Fähigkeit Klarinette zu erlernen, dies geschah aufgrund der gymnasialen Vorgabe, des musischen Gymnasiums in Frankfurt am Main, an dem ich lernte. Ich war gewissermaßen gezwungen, zwei Instrumente spielen zu können. Gerne gebe ich zu, dass mir die Abgabe der Klarinette, die sich für mich als sehr schwieriges Instrument entpuppte, sehr leicht fiel.

Viele musikalische Vorbilder und Idole begleiteten Sie durch Ihr Leben. Haben Sie einen ganz besonderen herausragenden Künstler kennengelernt, an den Sie sich häufig erinnern?

Kuhn: Aufgrund vieler Begegnungen mit großen Musikern kann ich da keinen benennen. Jeder Künstler entwickelte sich in seinem Genre weiter und schrieb oder schreibt noch Geschichte. Heute habe ich einen Song für Jonny Griffin gesungen – ein amerikanischer Jazzsaxophonist, ein Freund, den ich in London traf, mittlerweile ist er leider verstorben. Jonny habe ich genauso genossen wie den berühmten Hank Jones, das Hank Jones-Trio. Nein, ich kann keine Entscheidung einen einzelnen Künstler betreffend fällen.

Das kann man durchaus nachvollziehen, wenn man so viele musikalische Eindrücke wie Sie in Ihrem Leben sammeln beziehungsweise mitnehmen konnten. Doch gilt dasselbe auch bei Ihren eigenen Kompositionen?

Kuhn: Ja, auch bei meinen eigenen komponierten Stücken gibt es definitiv kein Lieblingsstück. Wissen Sie, es gibt Pianisten mit fantastischer Technik, es gibt Songwriter mit wundervollen Songs, aber der Kern liegt immer in der Instrumentalität und in der Art, wie es dargeboten wird. Das Publikum ist das Zünglein an der Waage.

Mit „Der Mann am Klavier“, dessen Erfinder Sie nicht sind, wohl aber der Interpret, haben Sie ein bis heute bekanntes Lied instrumentalisiert und gesanglich begleitet. Wie gingen und wie gehen Sie grundsätzlich mit Schlagern um?

Kuhn: Ausflüge in die Schlagerwelt waren einfach wichtig, mit den Schlagern verdiente man wenigstens Geld. Ich habe mir zum Beispiel ein Auto gekauft und konnte mir viele Reisen leisten. Ich habe mit meinem Orchester unter anderem Peter Alexander begleitet, ihm habe ich für seine Auftritte ein neues Gewand, in dem er englische Entertainment-Medleys zum Besten gab, verpasst. Das war insofern interessant, da Peter vorher nie englisch sang, aus Angst vor den Reaktionen seines Publikums, aber es kam an, und somit hatte ich ein neues musikalisches Bild für Alexander geschaffen.

Hat Bebop auch Ihren Stil maßgeblich beeinflusst?

Kuhn: Bebop war revolutionär, die Amerikaner veränderten den „einfachen“ Jazz. Aber dass er mich jetzt beeinflusst hat, nein, ich würde eher sagen, Bebop hat mich inspiriert, freier zu spielen. Louis Armstrong, den ich sehr schätzte, spielte nie eine einzige Note Bebop, es ließ sich definitiv nicht jeder infizieren. Louis fand den Bebop einfach nur schrecklich, denn es gab in diesem Jazz-Swing-Gemisch keine Noten, keine Titel. So fing es an, dass sich die Musik teilte. Mit Bebop Erfahrung spielte man einfach freier, man mischte Swing und Jazz es gab viele Improvisationen ohne Taktstriche und das wiederum ist das Wesen des Jazz.

Mit Mario Barth hatten Sie einen Auftritt im Olympiastadion. Barth wollte ja ins Guinnessbuch der Rekorde kommen, welche Gefühle begleiteten Sie bei diesem, nennen wir es Spektakel?

Kuhn: Mein Interesse gilt vorrangig der Musik. Dass ich bei Mario Barth im Olympiastadion vor 70.000 Menschen auftreten konnte, war ein einmaliges Erlebnis, allerdings trat der Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde für mich absolut in den Hintergrund.

Gab es in Ihrem Leben eine interessante Begebenheit mit Frank Sinatra, einem Ihrer Vorbilder, dem Sie ja nie, wie ich recherchierend herausgefunden habe, persönlich begegnen konnten?

Kuhn: Ja, es gab tatsächlich eine „Fastbegegnung“, in Köln. Wie gesagt, nur fast. Sinatra wurde sehr gut abgeschirmt, damals arbeiteten junge Menschen, gegen Bezahlung selbstverständlich, als Bodyguards. Es bestand also keine Möglichkeit, an ihn heranzukommen. Allerdings kannte ich einen der Bodyguards, und als ich Frank mit großem Abstand gegenüberstand, hörte ich ihn sagen: „I know that guy!“ Es wäre nun ein Leichtes gewesen, rüber zurufen, doch so schnell reagierte der Bodyguard nicht. Ja, so kam es zu einer „Fastbegegnung“. Ach ja, und dann sprach mich die Pressesprecherin von Emy Electrola in Los Angeles an, denn es war angedacht, dass ich im Vorprogramm der Sinatra-Show als Jazzpianist auftrete, doch auch diese Planung zerschlug sich, da mein Stil dem Sinatras einfach zu ähnlich war.

Vielen Dank für das Interview.

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