Eine ganz besondere Wohngemeinschaft – Triers erste “integrative“ WG

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Zur Einweihungsfeier kamen viele offizielle Besucher. Im Alltag ist die besondere WG eigentlich ganz normal: Tischdecken, Wäsche machen, Spielen – nur eben teilweise mit Johanniter Assistenz.

Bildquelle: Johanniter-Unfall-Hilfe e.V

TRIER. „Das schönste ist das gemeinsam sein“ – Alba Große-Boymann, Lukas Leinen und Malte Rothengass sind sich einig. Drei Freunde, 20 und 21 Jahre alt, die im Dezember 2017 aus dem Elternhaus in ihre erste gemeinsame WG gezogen sind. Dass sie jetzt lernen können, Putzpläne umzusetzen, ihre neue Rolle im WG-Gefüge zu finden, und nachts ohne elterlichen Druck ins Bett zu gehen wie viele ihrer Altersgenossen, ist aber alles andere als selbstverständlich. Für die Eltern der drei Jugendlichen mit Trisomie 21 war eine Menge Vorarbeit nötig, Glück und Unterstützung von verschiedenen Seiten. Jetzt wollen sie andere Familien anregen, es ihnen nachzumachen – zum Wohle der Kinder.

„Um jetzt hier zu stehen, haben wir einen weiten Weg zurückgelegt. Erst beschwerlich und dann – mit Hilfe von vielen Seiten – plötzlich unerwartet schnell“, sagt Peter Leinen, der Vater von Lukas bei einer Ansprache zur offiziellen Einweihung der Wohngemeinschaft: „Dafür möchten wir allen Beteiligten herzlich danken“. Ziel sei letztlich die größtmögliche Selbstständigkeit der drei geistig Behinderten zu erreichen, „denn wir werden nicht ewig für sie da sein können“. Zu den geladenen Gästen gehören Vertreter der Wohnungsgenossenschaft GBT, bei der die Vier-Zimmer-Wohnung mit Einzelmietverträgen im Namen der jungen Erwachsenen von den Eltern angemietet werden konnte, Vertreter der Johanniter, die mit einem gemeinsam erarbeiteten Konzept und flexiblem Stundenplan, die Bewohner im Alltag „auf Kurs halten“, Vertreter des Trierer Sozialamts, das einen Großteil der Miet- und Betreuungskosten übernimmt sowie Vertreter der Abtei St. Matthias und des Schammatdorfs, in das eingebettet, die WG ihre Heimat gefunden hat.

Im Schammatdorf hat man sich – mit dem Votum der neun anderen Mietparteien im direkten Umfeld – bewusst für die WG entschieden. „Wir hatten Riesenglück“, sagt Manuel Seeger, Albas Vater, der mit seiner Familie in einem anderen Hof ebenfalls im Schammatdorf lebt: „Erst letzten Februar haben wir uns auf die Wohnungsbewerber-Liste setzen lassen, nachdem – auf unsere Bemühungen hin, in bestehenden Strukturen zusammen selbstbestimmte Wohnplätze zu bekommen – sich nichts bewegte. Im Juli kam die Wohnungszusage und ab dann sind wir im Prinzip überall offene Türen eingerannt“.

„Nestflüchter“ gesucht

Zu den Johannitern, die tagsüber zu festen Zeiten ambulant für die Bewohner da sind, kam der Kontakt über jahrelange schulische Integrationshilfe zustande. „Als die Anfrage nach Wohnassistenz kam, war sofort klar, das machen wir“, sagt Frank Helbing, der Leiter der Johanniter Jugendhilfe: „Allein wohnen und dort auf eigenen Beinen stehen, ist so wertvoll für die jungen Leute. Wir würden uns freuen, in Zukunft weitere Menschen mit Hilfebedarf in ihrem Wohnalltag unterstützen zu dürfen“. Kleine Problem seien ähnlich wie bei allen WG’s: „Den Haushalt gemeinsam schmeißen, ist manchmal schon eine Herausforderung“, verrät Manuela Ballmann, die für die Johanniter Betreuung und Assistenz der WG übernimmt und regelt: „Dabei können die Drei wirklich vieles. Nur: Die sind wahnsinnig aktiv, stecken in ihren fachpraktischen Ausbildungen oder Tätigkeiten, haben viele Hobbies und richtig wenig Zeit“. Alle Schwimmen, Alba spielt unter anderem Schlagzeug, Lukas macht Karate, malt und Malte fährt zu Handballspielen. Jetzt kommen noch gemeinsame Events am Abend dazu: „Ich war Freitag mit Luki auf einem Konzert“, erzählt Alba und strahlt. Tatsächlich sind die beiden ganz allein zu der Schammatdorf-Veranstaltung gegangen – und danach selbstständig ins Bett. Über Nacht ist nur ein Hausnotruf-Knopf bei den jungen Leuten. Ein weiterer Schritt in ein selbstbestimmtes Leben.

Kontakt für Interessierte an der Gründung einer ähnlichen begleiteten WG: manuela.ballmann@johanniter.de; Tel. 0651-270 900

Welttag der Trisomie 21 – 21. März

Seit 2012 ist der 21. März auf Beschluss der UN-Generalversammlung weltweiter Tag der Trisomie 21. Der Welttag soll die Anerkennung der Menschen mit dieser geistigen Behinderung, ihrer Würde und ihres Wertes für die Vielfalt der Gemeinschaft stärken. „Wir haben viel zu geben!“ lautet das diesjährige Motto. Die drei WG-Bewohner beispielsweise machen eine Spezialausbildung und arbeiten: Lukas als Schreiner, Alba als Küchenkraft im Kindergarten und Malte im Seniorenheim in Pflege und Hauswirtschaft.

Die auch nach seinem Entdecker als Down-Syndrom bezeichnete Trisomie 21 ist ursächlich auf eine Gen-Anomalie zurückzuführen: Das 21. Chromosom im Erbgut ist dabei zumindest teilweise dreifach, statt wie normal zweifach, vorhanden. In der Folge ist u.a. das Erscheinungsbild leicht verändert (z.B. häufig schräg gestellte Augen), die motorische Entwicklung ist verzögert und die Intelligenz von Menschen mit Down-Syndrom ist meist leicht bis mittelschwer vermindert. In Deutschland leben etwa 40.000 Betroffene.

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