Mayen gelingt die große Sensation

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Ein Ende mit Schrecken: Der Titelverteidiger und hohe Favorit auf den erneuten Pokalsieg ist sang- und klanglos aus dem Wettbewerb ausgeschieden. Eintracht Trier unterlag dem zwei Klassen tiefer angesiedelten Rheinlandligisten TuS Mayen im Halbfinale des Bitburger Rheinlandpokals vor 747 Zuschauern im Nettestadion mit 2:3 (1:1) Toren.

MAYEN. Roland Seitz musste sich nach dem Spiel wüste Beschimpfungen der mitgereisten Trierer Anhänger anhören. „Wenn du Eier in der Hose hast, zerreiß‘ deinen Vertrag“, donnerte es dem Trierer Trainer entgegen. Der blieb sachlich: „Die Fans sind enttäuscht“, sagte der Oberpfälzer. „Ich habe Verständnis dafür.“ Aufregung aber auch im kleinen Presseraum der Mayener. Ein Vorstandsmitglied des TuS forderte lautstark eine Entschuldigung von Verantwortlichen der Eintracht, weil kleine Kinder, die sich am Spielfeldrand aufhielten, von Trierer Seite beleidigt und verhöhnt worden seien.

Es waren unglaubliche Szenen, die sich nach dem Schlusspfiff im Nettestadion abspielten. Hier der Pulk der Mayener Spieler, die vor dem kleinen Block ihrer Fans den Erfolg über den hohen Favoriten von der Mosel ausgelassen feierten. Mitttendrin Marko Lanser, der zwar nur gut 18 Minuten gespielt hatte, in der kurzen Zeit aber zum umjubelten Helden der völlig verzückten Anhänger des krassen Außenseiters wurde. Erst bereitete er den 2:2-Ausgleich durch Stephan Schikora vor, dann krönte er seine Leistung mit dem Siegtreffer zum 3:2-Endstand.

„Das ist einfach nur so geil“, sprudelte es aus Lanser heraus. „Wir haben uns so intensiv auf dieses Spiel vorbereitet, wir haben gekämpft und alles gegeben, weil wir unbedingt ins Endspiel wollten.“ Sieben Wochen lang war er verletzt gewesen, konnte kaum trainieren, geschweige denn spielen. „Ja, und jetzt das. Das ist wie ein Traum. Wir hatten eigentlich keine Chance gegen diese Trierer Mannschaft, aber wir haben an uns geglaubt und unseren Traum auf dem Platz gelebt.“

Der Mayener Traum geht weiter – im Endspiel gegen Roßbach. „Jetzt wollen wir auch den Pott und in den DfB-Pokal“, sagte Lanser noch, ehe er erneut im Pulk der Kollegen verschwand. Es dürfte eine lange Nacht werden in Mayen. Während Lanser seinen Emotionen freien Lauf ließ, schlichen die Trierer Spieler mit hängenden Köpfen in die Kabine. Dort, im Lager der Eintracht, wird es eine Nacht mit Albträumen werden, nicht mit Champagner.

Der Pokalsieg war fest eingeplant, weil der Klub das Geld aus dem DFB-Pokal dringend braucht, um auch in der nächsten Saison eine konkurrenzfähige Mannschaft zu stellen. Einschließlich der wegbrechenden Fernsehgelder fehlen dem Verein nun rund 250.000 Euro im Etat für die neuen Spielzeit. Hinzu kommt das Defizit im fünfstelligen Bereich aus der laufenden Saison, das daraus resultiert, dass die Zuschauerzahlen weit unter der Kalkulation lagen. Trainer Roland Seitz sah sich wüsten Beschimpfungen ausgesetzt.

Der Oberpfälzer trägt die sportliche Verantwortung. Persönliche Konsequenzen schloss er jedoch aus. „Die Niederlage heute hat Auswirkungen auf den Etat, sonst aber keine“, sagte er. Im Klartext heißt das: Er wird als Trainer nicht zurücktreten, weil er für die Verfehlungen der Vereinsführung nicht den Sündenbock spielen will. Die stand nach der Niederlage im Nettestadion geschlossen zusammen: Vorstandssprecher Ernst Wilhelmi, Kollege Roman Gottschalk und Geschäftsstellenleiter Dirk Jacobs. Deren Politik im Binnenverhältnis des Klubs führte auch dazu, dass eine vor sechs Monaten noch intakte Mannschaft zum Saisonende hin in ihre Einzelteile zerfällt. Nicht umsonst verlassen viele Spieler den Verein im Sommer.

Dazu wollte sich Thomas Drescher spät in der Nacht nicht äußern. Wohl aber zur Niederlage. „Wir sind alle enttäuscht, deprimiert und einfach nur leer“, sagte der Linksverteidiger stellvertretend für alle Spieler. Auch sie seien von den Fans beschimpft worden. „Aber dafür habe ich in dem Fall Verständnis“, so Drescher, „weil wir es einfach verbockt haben.“ Gerade nach dem Sieg im Viertelfinale über Koblenz hätten sie sich so viel vorgenommen. „Aber irgendwie sollte es einfach nicht sein.“ Wie es jetzt für ihn selbst weitergehe, konnte er noch nicht sagen. „Ich warte jetzt erst einmal ab, was die nächsten Tage so bringen.“

Wie sehr das Image der Eintracht unter der aktuellen Führungsriege in den letzten Jahren gelitten hat, wurde auch im Mayener Nettestadion deutlich. Das Interesse hielt sich trotz der nicht geringen Bedeutung eines Halbfinales doch sehr in Grenzen. Selbst bis in die Vulkaneifel hat sich mittlerweile wohl herumgesprochen, dass der Traditionsverein von der Mosel nicht mehr die große Zugnummer vergangener Tage ist: Der Name Eintracht Trier zieht selbst in der erweiterten Region kaum noch. Immerhin aber war die Zuschauer-Resonanz im 18.000-Seelen-Ort mit 747 Besuchern höher als im letzten Heimspiel der Eintracht im Moselstadion.

Den Spielern, die momentan noch für den SVE auf dem Platz stehen, konnte aber auch das herzlich egal sein. Trotz der Anfeindungen im Umfeld, trotz Schmährufen und Beleidigungen vor, während und nach den letzten Spielen: Sie wollten den Pokal gewinnen und somit verteidigen, auch wenn das für viele der aktuellen Mannschaft der letzte Arbeitsnachweis gewesen wäre: sich mit Anstand aus Trier und der Saison verabschieden. Für das unterirdische Erscheinungsbild des Klubs in der Öffentlichkeit können sie schließlich nichts. Das wurde erst jüngst wieder bestätigt, als Vorstandssprecher Wilhlemi in der Öffentlichkeit ernsthaft darüber nachdachte, den wegen sechsfachen Raubüberfalls verurteilten ehemaligen Babelsberger Süleyman Koc zu verpflichten.

Seitz schickte gegen den Rheinlandligisten seine nominell beste Elf ins Rennen. Die verletzten oder erkrankten Cataldo Cozza, Daniel Bauer und Benjamin Pintol standen nicht im Kader. Darauf hatte Triers Trainer schon am Montag hingewiesen. Was er nicht erwähnt hatte: Auch Oliver Stang ist verletzt. Das war Seitz allerdings keine Erwähnung wert gewesen. Der 23-Jährige, der trotz laufenden Vertrages nach der Saison zu Borussia Mönchengladbach wechseln wird, ist inzwischen persona non grata im Lager der Eintracht. Doch auch ohne die Erwähnten nahm das Spiel seinen erwarteten Verlauf.

Der Favorit beherrschte die Szene gegen den krassen Außenseiter. Wäre da nicht die zweite Minute gewesen, als Triers Hintermannschaft gedanklich wohl noch in der Kabine war. Der Freistoß von Johannes Grober aus dem Halbfeld heraus war an sich harmlos. Was ihn so gefährlich machte, war Simon Berresheim, der sich unbemerkt zur Ecke des Fünfmeterraumes gestohlen hatte. Von dort aus wuchtete der Mayener das Spielgerät mit dem Kopf ins Netz. André Poggenborg streckte sich zwar, verhindern aber konnte Triers Torwart den Treffer für den Außenseiter nicht.

Mayen führte mit 1:0. Der Jubel der Anhänger auf den Stehrängen hielt sich jedoch in Grenzen. Es war zu früh, um ernsthaft an die große Sensation zu glauben. Zumal der hohe Favorit hernach richtig Fahrt aufnahm. Nur knapp sauste der Ball nach Freistoß von Alon Abelski am Lattenkreuz vorbei (11.). Kapitän Torge Hollmann war zweimal mit dem Kopf zur Stelle. Der Rheinlandligist konnte die Möglichkeiten des Regionalligisten nicht gänzlich verhindern. Die Eintracht kam in die gefährlichen Zonen, doch immer dann war ein Mayener Bein oder gleich ein ganzer Körper dazwischen. Mayens Trainer Martin Sek hatte seine Spieler perfekt auf den Gegner eingestellt: Sie bekämpften den übermächtigen Kontrahenten mit großen Herzen und viel Leidenschaft.

Dass Trier eine Standardsituation für den Ausgleich benötigte, war demnach folgerichtig. Wieder hatte Abelski Maß genommen. Diesmal jedoch landete der Ball unter gütiger Mithilfe von Mayens Torwart im Netz. Darius Motazed hatte seine Torwartecke sträflich vernachlässigt. Dorthin schoss Triers Spielmacher. Abelski bestätigte seine gute Leistung mit dem 1:1-Ausgleich (38.); er war der Beste auf dem Platz bis zur Pause. In der konnte der Rheinlandligist weiter von der Sensation und dem Finale gegen den SV Roßbach träumen. Der Außenseiter hatte sich das Unentschieden mit seiner kämpferischen Gesamtleistung verdient.

Ihrem Traum waren die Mayener ganz nahe, als Kevin Lang zehn Minuten nach dem Seitenwechsel völlig frei von Poggenborg auftauchte. Doch statt den Ball ins Tor zu schießen, schob er ihn am langen Pfosten vorbei. Ungläubiges Entsetzen nicht nur bei Lang, sondern auch auf den Rängen: Das war sie, die große Möglichkeit, die den Rheinlandligisten der Sensation tatsächlich nahe gebracht hätte.

Der kleine, aber feine Unterschied wurde schon eine Minute später auf der Gegenseite deutlich. Wo Lang versagte, blieb Thomas Kraus ganz kühl. Motazed konnte den Ball nach Gewaltschuss von Drescher nur nach vorne abwehren. Kraus war da und staubte zum 2:1 ab. Jetzt glaubten sie, das Spiel im Griff zu haben. Seitz‘ Männer nahmen im Gefühl der klaren Überlegenheit einen Gang heraus – und genau das wurde ihnen zum Verhängnis. Mayen bekam die zweite und später sogar noch die dritte Luft. Sek brachte Lanser (72.), der schließlich zum Albtraum für Trier werden sollte. Er bediente Schikora zum Ausgleich (73.) und besorgte sechs Minuten später mit einem sehenswerten Fernschuss den Siegtreffer.

„Ich habe einfach nicht nachgedacht, sondern nur draufgehalten, und der Ball war drin.“ Trier aber konnte den Hebel nicht mehr umlegen, was Lanser natürlich freute. „Das ist ein so unglaublich gutes Gefühl. Ich kann es immer glauben noch nicht, dass wir gewonnen haben.“ Spätestens am Mittwoch wird auch aber er begreifen, was sie vollbracht haben – nach der langen Mayener Nacht. (et)

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